Allgäu

Zwischen Immenstadt und Oberstaufen erstreckt sich das herrlich breite und helle Tal der Konstanzer Ach. Von Westen her kommend speist das meist gutmütig sprudelnde Bächlein erst den Großen, dann den Kleinen Alpsee, bevor es kurz hinter Immenstadt in die Iller mündet und sich gemeinsam mit der großen Schwester auf den Weg zur Donau macht.

Mit seinen 15 Kilometern Länge wirkt das Tal im besten Sinne kompakt. An einem halben Tag ist es durchwandert. Vielfältig sind die Möglichkeiten, die Strecke durch einen Abzweig auf einen Gipfel der schönen Grasberge zu einem Ganztagestrip zu vervollkommnen. Die beiden Städtchen verbindet eine kleine Bahnlinie, die einem bei Bedarf den Rückweg erleichtert.  

Welchen Weg man auch wählt, die beiden Talseiten halten immer genügend Abstand voneinander, um den Blick frei schweifen lassen zu können. Unsere oft freundlich-sonnigen Winter bieten an vielen Tagen eine gute Gelegenheit, diesen Teil des Oberallgäus kennenzulernen. Die 150 Kilometer von Augsburg nach Immenstadt schafft man in der Regel in 90 Minuten, egal ob man sich ins Auto setzt oder in den Zug steigt. Damit gehört die Gegend zu den idealen Ausflugszielen unserer Region. Und wer mehr als einen Tag bleiben möchte, findet hier immer ein Bett, das zu seinem Budget und seiner Laune passt.

Zwischen den Jahren war ich mit der ganzen Familie in einem Quartier der Naturfreunde in Wiedemannsdorf. Große, helle Zimmer, zwei Stockbetten und eine Einrichtung aus Vollholz, die einige Geschichten erzählen könnte. Am Morgen versorgten uns die Herbergseltern mit einem Frühstück, an dem nichts auszusetzen war, und am Abend meist mit Spezialitäten, die nur in Mengen ab 20 Personen vernünftig zubereitet werden können. Unser Favorit waren Elisabeth Strobls Käsekartoffeln. Guten Kaffee fanden wir in einem Dorfladen schräg gegenüber. Hier wurden die Bohnen auch geröstet und zu feinen Sorten gemischt. Es gab dort auch Kuchen und Käse aus der Region sowie Unmengen Mineralwasser. Der kleine Laden ist nämlich in einer stillgelegten Brauerei heimisch, in der seit 20 Jahren eine Mineralquelle sprudelt und als Allgäuer-Alpenwasser abgefüllt wird.

Mangels Schneemassen auf unseren bescheidenen 750 Höhenmetern verabschiedeten sich die meisten Naturfreunde morgens rechtzeitig in die hochalpinen Schneekanonenlagen rund um Obersdorf. Unsere Jüngste durfte ausschlafen und hatte den Frühstücksraum für sich. Ihr Kinderskikurs startete um 10 Uhr in Thalkirchdorf auf der schattigen Seite des Tals und ich durfte sie zu ihren ersten Schulstunden auf Skiern zu begleiten.

Ihre Lehrerinnen waren die freundlichsten des Allgäus und der Chef hatte aus irgendeinem vergessenen Seitental genügend Schneereserven an den Skispielplatz karren lassen, dass die Kleinen nach Herzenslust darauf rutschen konnten und ihren Spaß hatten. Ich nutzte diese wunderbaren Stunden der Ruhe für kleinere Wanderungen im Rahmen meines sich täglich erweiternden elterlichen Bewegungsradius. Schon am ersten Tag lernte ich die Vorzüge des Dorfhauses kennen. In diesem im Kern alten Anwesen bringt die Chefin Imelda Erd zusammen, was hier zusammengehört. Wunderbares Essen und Trinken, eine Sennerei samt Käseschule und Laden sowie einige Chalets, bei denen sich das Geld für den Innenarchitekten wirklich gelohnt hat.

Nach ihrer letzten Skistunde führte ich unsere Jüngste dorthin zum Mittagessen aus. Sie wählte eine Wildschweinbratwurst vom Metzger aus der Nachbarschaft mit Kartoffelbrei, Kraut und viel Soße, dieser Wahl schloss ich mich an. Der Senf wurde zur großen Freude der Kleinen in einem winzigen Schüsselchen serviert und konnte so nach Gusto auf den Teller gebracht werden. Diese Art der unaufdringlichen Aufmerksamkeit setzt sich im gesamten Dorfhaus fort. Sie sollten diesen Ort in ihrem Routenplaner vermerken.

Kurz nach unserer Abreise setzten auch im Allgäu die Schneefälle ein. Ich nutzte seitdem einige nicht allzu streng getaktete Freitage, um meinen Schreibtisch mit meinen Tourenski zu tauschen, und fand Ruhe und Inspiration bei Skiwanderungen, die für die ganz großen Sportskanonen unter Ihnen vielleicht nicht spektakulär genug sein mögen. Mich überzeugen diese zwei bis drei Stunden dauernden Aufstiege – meist wähle ich Touren unweit von Immenstadt – durch ihre Unkompliziertheit. Es gibt auf diesen Anstiegen auch bei besten Schneeverhält­nissen und Sonnenschein kein Gedränge, zumindest an Werktagen. Die Gastronomie in den gemütlichen Hütten ist oft von einer Qualität, dass auch Einheimische den Einkehrschwung wagen. So bietet die Wurzelhütte bei Ofterschwang einen himmlischen Kaiserschmarrn, wahlweise mit oder ohne Rosinen, und die Käsebrotzeit im Kemptner Haus am Gschwender Horn reicht zur Not auch für zwei. Und dass der Käse von bester Qualität ist, versteht sich bei einer Allgäuer Hütte eigentlich von selbst.

Es ist nicht schwer, hier guten Käse zu finden, doch wer vorzügliche Ware wünscht, muss etwas suchen und viel probieren. Ich kann zum Beispiel die Bergkäse aus dem schon erwähnten Dorfhaus empfehlen oder die wunderbaren Heumilch-Hart- und Weichkäse der Schönegger Käse-Alm in Immenstadt. Deren Ware wird übrigens auch auf dem Wochenmarkt in Friedberg verkauft. Vor Kurzem habe ich die Bergbauern-Sennerei Hüttenberg und ihren gut gereiften Emmentaler kennengelernt. Ein guter Grund mehr, bald mal wieder ins nahe Allgäu zu fahren.