Belém – das Tor zu Lissabon, zur Welt

Eine Reise von Jürgen Kannler

Mit ein wenig Glück erweist sich der Flug von München nach Lissabon als atemberaubendes Erlebnis. Wir hatten das Glück hundert wolkenloser Flugminuten und sanften Sonnenscheins. So folgten wir den Spuren der Segelboote auf den Seen zwischen Lindau und Genf, bevor wir in guter Sichtweite zum Montblanc-Massiv Kurs auf die Iberische Halbinsel nahmen. Spanien querten wir an seiner breitesten Stelle, unter uns ein karges, anmutiges Land, außerhalb seiner Metropolen nur dünn besiedelt. Eine kontinentale Flugreise kann so schön sein, auch heute noch.

Nach der Landung am Flughafen Humberto Delgado Lissabon ändert sich zunächst das Tempo, später, beim Verlassen der nach einem Salazarregime-Gegner benannten Anlage, ändert sich auch das Licht. Als würde die Hektik des Ostens als unschicklich empfunden, bewegen sich die Menschen hier ihrem Lebensrhythmus angemessener. Als der Taxifahrer ahnt, dass Fußball für seine Gäste ein Thema ist, verbindet er die Fahrt mit einer Tour vorbei an den drei größeren Arenen der Stadt. Estádio da Luz (Benfica), Estádio José Alvalade XXI (Sporting), Estádio do Restelo (Belenenses). Dieses Stadion ist das älteste und kleinste der Reihe und krönt den Lissabonner Stadtteil Belém am Ufer der Tejomündung.

Hier liegt auch unser Hotel. Die Fahrt ist günstig und die freundliche Art des Chauffeurs ein guter Einstig für die kommenden Tage. Der Concierge steht an einem riesigen Pult, telefoniert und lächelt, ohne sich dabei bemühen zu müssen. Das Haus ist reizender, als auf den Fotos seiner Homepage zu erahnen war. Vom Zimmer aus sieht man direkt auf das Kloster Mosteiro dos Jerónimos. Die Terrasse im ersten Stock erinnert in ihrer nüchternen Eleganz an Plätze in Tel Aviv und zum Frühstück gibt es Pastéis de Belém, eine süße Köstlichkeit aus der Nachbarschaft, gezaubert aus Blätterteig und Pudding, für die manche eine Wartezeit von einer Stunde oder mehr auf sich nehmen. Nicht nur die Portugiesen sind verrückt nach diesen kleinen Kuchen und all den anderen Naschereien, für die hier rund um die Uhr Zeit ist. Gerne eingenommen in Verbindung mit einem Tässchen Kaffee, einem Schluck Wein oder Bier oder einem Gläschen Port. Das Angebot an feinen Imbissen in Hunderten Büfetts, Bars und kleinen Mittagsrestaurants, die über die Stadt in allen Preislagen zu finden sind, ist ebenso wunderbar wie unergründlich.

Über einen Hügel mit meist sanftem Gefälle erstreckt sich Belém hinab zum Wasser. An seiner oberen Grenze stehen ausladend die Konsulate vieler Herren Länder, deren Namen sich in diesem Spiel Ungeübten nicht immer aus der Nationalf lagge erschließen. Der Einfluss Portugals war einmal unermesslich. Meist zum Schaden von Regionen, die hier heute als Teil von Nationen Hof halten, die es damals noch nicht gab.

Von diesem Ufer aus brachen Schiffe und Mannschaften in die damals bekannte Welt auf und gelangten bei ihren Expeditionen immer wieder weit über die Grenzen dieser Welt hinaus. Wer Glück hatte, kehrte in den Hafen von Belém zurück, die Laderäume voll mit Gewürzen, nach denen die neuen Reichen in den sich gerade organisierenden Handelszentren Europas gierten. Oft auch mit geraubtem Gold und Silber und in manchen Fällen sogar mit neuen Ideen und Einsichten.

Das Kloster Mosteiro dos Jerónimos zeugt in seinem gewaltigen Protz ebenso wie in seiner verwirrenden Schönheit von diesen Raubzügen und gewährt Vasco da Gama, dem größten unter diesen Seefahrern, bis heute in seiner Kathedrale Obdach. Es gehört zu den wenigen herausragenden Bauwerken des manuelinischen Stils, die das verheerende Erdbeben von 1755 überstanden haben.

Lissabon ist die Stadt alter, kleiner, knarzender, gelber Straßenbahnen. Mit ihnen erreicht man nahezu alle für uns Reisende relevanten Orte der hügeligen Metropole: die ebenso malerische wie überlaufene Altstadt mit all ihren Kirchen, Plätzen, Zahnradbahnen und Fahrstühlen, das Nationalmuseum für alte Kunst mit dem sechsf lügeligen Altarbild von Nuno Gonçalves aus dem 15. Jahrhundert, die Stadt der Toten auf dem Cemitério dos Prazeres, die Fadobars in der Alfama, den Corte Inglés mit seiner traumhaften Ware sowie die vielen Orte direkt am Fluss, die in ihrer Funktion noch in ständiger Bewegung scheinen, bis die Gentrifizierung sie eingeholt hat und aus der ehemaligen Werft und Kulturzentrum auf Zeit das nächste Einkaufszentrum oder ein neuer Jachthafen wächst.

Egal, an welcher Haltestelle man Station macht. Nach wenigen Minuten wird man Orte finden, die zum Essen laden. Auf jeden Fall sollte man bei einer dieser Gelegenheiten eine Portion Açorda Alentejana kosten. Diese Brotsuppe mit Ei und Koriander wird je nach Küche als einfache und günstige Kost serviert oder kommt etwas prahlerisch mit allerhand Meeresgetier auf den Tisch.

Der Stolz der portugiesischen Küche sind die zahllosen Fischgerichte und Meeresfrüchte, die hier in einer atlantischen Frische und Vielfalt angeboten werden, die verzückt. Das Restaurant Nunes Real Marisqueira, angesiedelt in einer der eher unauffälligen Straßen von Belém, ist auf diese auch in Portugal nicht immer günstigen Angebote spezialisiert und eine Zierde seiner Zunft. Hier konnten wir einen Teller perfekt zubereiteter galizischer Percebes probieren, die, obwohl zu den Krebsen zählend, bei uns unter dem Namen Entenmuscheln bekannt sind und in der Saison auf dem Corte Inglés ab 100 Euro das Kilo gehandelt werden.

Der größte Reichtum von Lissabon ist jedoch nicht in seinen Restaurantküchen zu finden, sondern in seinen Parks zu sehen und auf seinen Straßen zu spüren. Es ist der heiter-respektvolle Umgang, den die Menschen dieser Stadt miteinander pf legen und an dem sie ihre Gäste teilhaben lassen. Menschen unterschiedlichster Herkunft leben in Partnerschaften zusammen. Zahllose Familien, deren Vorfahren auf unterschiedlichen Kontinenten zu Hause waren, sind hier Alltag.