Belgrad

Im Sommer 2015 startet ein Artist-in-Residence-Projekt, an dem auch die Redaktion von a3kultur beteiligt ist. Die ersten nach Augsburg eingeladenen Künstler kommen aus Serbien. Warum? Reiner Zufall.

Nach einem ruhigen Flug landen wir mitten in der Nacht in Belgrad. Mein Sitznachbar Dragomir winkt bei der Gepäckausgabe noch kurz, und schon ist er weg. Nach zwölf Monaten ohne Urlaub in der alten Heimat war er sichtlich aufgekratzt. Gegen einen gepflegten Jetlag, eine lange verdrängte Sehnsucht und die ehrliche Vorfreude auf Freunde und Familie kann auch die schwärzeste serbische Herbstnacht nichts ausrichten. Dragomirs Tipp für die Stadt: Geh nur in Kneipen, wo sie Jelen-Bier ausschenken. Das werde ich mir merken.

Im April besuchte mich Michael Bernicker in der Redaktion. Er erzählte von seinem letzten Besuch in Belgrad und den Künstlern, die er dort getroffen hatte. Die diffuse Idee einer Ausstellung in Augsburg stand im Raum. Milica Milićević und Milan Bosnic, die zusammen als diSTRUKTURA firmieren, zählen zu den bekanntesten Performance-Künstlern ihres Landes. Wer einmal Marina Abramović erlebt hat, ahnt vielleicht, welche Tradition diese Stadt im Bereich radikaler Performance zu bieten hat. Selman Trtovac ist Philosoph, Bildhauer, Zeichner. Entscheidend geprägt von Beuys und Klaus Rinke, bei dem er an der Düsseldorfer Kunstakademie Meisterschüler war, ist Selman konsequent dabei, aus seinem Leben und seiner Kunst eins werden zu lassen. Seit einigen Jahren baut er auf eigene Rechnung am Belgrader Donauufer am Perpetuum Mobile, einem Künstlerhaus mit Galerie, Studio und Gastwohnung mit Blick auf die Stadt.

Drei Einladungen auszusprechen war eine Option, allerdings eine ohne Kontext. Die Artist-in-Residence-Idee ist spannender, zumal dieser Gedanke immer wieder von verschiedensten Stellen diskutiert wird. Warum also nicht an diese Diskussion anknüpfen und vorab die Situation analysieren?

Das Projekt sollte langfristig angelegt und interdisziplinär sein. Es sollte schnell den Programmmachern der Region offenstehen. Der Plan: Ein Jahr lädt Lab30 einen Medienkünstler nach Augsburg, im nächsten Jahr das Sensemble Theater einen Regisseur oder das Brechtfestival einen Autor usw. Die Auswahl der Künstler übernehmen wechselnde Kuratoren. Das verbindende Element: Die Gäste beschäftigen sich während ihres Aufenthalts in Augsburg mit der Utopie einer friedlichen Welt. Schließlich leben wir in einer Friedensstadt. Also tauften wir unser Projekt »Welcome in der Friedensstadt«. Unser Ziel: die ersten Jahre vorfinanzieren und die geplanten Projekte über einen Förderverein absichern. Unser Versuch: im Fundraising neue Wege gehen.

Wir sprechen mit dem Kulturreferenten Thomas Weitzel und dem Chef für Gegenwartskunst bei den Städtischen Kunstsammlungen, Thomas Elsen. Die erste Erfolge: Elsen lädt die Künstler für den Sommer 2015 ins Höhmannhaus. Der Kulturpark West stellt Raum zur Verfügung. Auch Gespräche mit dem Grandhotel Cosmopolis verlaufen erfreulich. Das Kulturamt und die Regierung von Schwaben zeigen sich bei der Antragstellung für diverse Stiftungen kooperativ. Es ist jetzt Sommer. Michael ist seit Kurzem als Projektmanager für das Online-Geschäft des Verlags studio a verantwortlich. Gemeinsam gehen wir weiter in Vorleistung, laden die Künstler verbindlich für kommendes Jahr ein und buchen unsere Flüge für Ende Oktober nach Belgrad.

Selman Trtovac erwartet uns am Flughafen und fährt uns über einige geplante Umwege durch seine Stadt. Der erste Eindruck ist unbestimmt. Zuerst triste Schlafstädte, wie überall auf der Welt kurz vor Mitternacht leblos. Der dem historischen Stadtkern zugewandte Brückenkopf an der Save noch immer zerfetzt. Hier schlugen vor 14 Jahren die letzten NATO-Bomben mitten in die Millionenstadt. Das Zentrum hügelig, steile, enge Straßen und sympathische Häuser aus allen Epochen des letzten Jahrhunderts, die teilweise etwas an Paris erinnern. Die zahlreichen Restaurants und Bars auf unserem Weg scheinen gut zu gehen. Unser Hotel liegt im Zentrum und heißt Moskau. Der Blick im Morgengrauen des nächsten Tages führt weit über die Save hinaus in die Hochhausviertel und ist fremd, zumindest wenn man an Augsburger Dimensionen gewöhnt ist.

Gleich unser erster Termin ist ein Volltreffer. Die stellvertretende Kultusministerin Serbiens hat Zeit für uns. Ana Vučetićs Büro sieht aus wie eine Schaltstelle mit begrenzten Mitteln und großen Zielen. Nach dem Studium in Paris und einigen Jahren Arbeit an französischen Theatern wurde sie gebeten, die Zukunft der serbischen Kulturpolitik mitzugestalten. Ihr Team ist freundlich und gut informiert. Nach zwei Stunden ist klar, Vučetić wird unser Projekt unterstützen. Sie verlinkt uns noch mit der Kulturabteilung der City of Belgrad und meldet sich wenige Stunden später nochmals telefonisch. Sie hatte im Gespräch ganz vergessen, uns von einem Förderprogramm zu erzählen, das vor einiger Zeit aufgelegt wurde, um Kooperationen zwischen serbischen Künstlern und EU-Ausländern zu fördern.

Am Nachmittag treffen wir den Chef des Goethe-Instituts Belgrad, Matthias Müller-Wieferig, eher zufällig eine Stunde vor unserem Termin im Kaffeehaus. Unser Künstler Selman ist als Bibliotheksleiter des Instituts gleichzeitig sein Mann für Literatur und Information. Das Treffen dauert einige Tassen Kaffee und einige Schachteln Zigaretten. Das Ergebnis: Das Goethe-Institut Belgrad ist ab sofort Projektpartner, logistisches Zentrum und Ansprechpartner für »Welcome in der Friedensstadt« vor Ort. Es kümmert sich um Übersetzungen, Visa und Transportfragen. Ich überlege kurz, eine Kerze beim Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche keine 500 Meter von hier zu opfern. Stattdessen beenden wir den offiziellen Teil des Tages mit einem Besuch in Selmans Perpetuum Mobile an der Donau. Gegessen wird in der benachbarten Gartenwirtschaft »Zum Piraten«. Es gibt frische Hirschbratwurst vom Grill und einige Gläser Jelen, schön kalt. Die flotte Rückfahrt übernimmt ein junger Taxifahrer mit einigen sehr interessanten Geschäftsideen.

Der kommende Tag verläuft ähnlich. Michael Bernicker und ich treffen einen einflussreichen Ex-Parlamentarier, der nun als Präsident einer NGO für Bildungs-, Umwelt- und Kulturprojekte arbeitet und unser Projekt unterstützen wird. Im Rathaus der Stadt bringt ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung beim Mittagspausenkaffee eine Gegeneinladung für Augsburger Künstler nach Belgrad ins Spiel und freut sich auf die Kooperation. Selman Trtovac leistet uns bei den meisten Treffen unschätzbare Dienste als Vermittler. Er erklärt uns Abläufe, Zusammenhänge und öffnet wichtige Türen. Nebenbei zeigt er uns wunderbare Facetten der Stadt und ihrer Kunst. Er spricht auch über niedrige Löhne, die verbreitete Grauwirtschaft und den existenziellen Wert von Fresskörben aus den Dörfern der Eltern.

Ein weiterer Helfer betritt die Szene. Zarko Mijailovic ist in der Nähe von Günzburg aufgewachsen. Er hält Patente, unter anderem am Rubbellos, und ist mit einigen Firmen entlang der Donau zwischen Ulm und Belgrad sehr erfolgreich. Er hat sich einen Tag frei genommen, um uns in einem der größeren Mercedesmodelle von Termin zu Termin zu chauffieren. Bevor wir starten, diskutieren wir einen sonnigen Vormittag lang über unsere Ziele und welche Möglichkeiten er darin erkennt. Zarko analysiert für uns die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit Serbiens und gibt damit den Anstoß für einen weiteren Aspekt im Kontext unseres Projekts. Wir beschließen, begleitend zum Kunstprojekt die Umsetzung einer Dialogplattform Ost-West für Fragen zu Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zu prüfen. Zarko erklärt sich bereit, für »Welcome in der Friedensstadt« das Fundraising in Belgrad zu übernehmen. Ehrenamtlich.

Die letzte Nacht ist ebenso surreal wie die zwei vorangegangenen Tage. Mit einem Investmentbanker treffen wir uns zum Abendessen in einem dieser schicken Clubs am alten Hafen. Das Essen ist vorzüglich und etwa zehnmal so teuer wie beim Piraten auf der anderen Flussseite. Der anschließende Zug durch die Clubs der Stadt bestätigt, was ich geahnt hatte. Diese Stadt versteht zu feiern. Barrieren bildende Dummheiten wie Dresscodes spielen in Belgrad kaum eine Rolle. Dafür hat die Stadt zu viel erlebt. In den Straßen und Cafés, den Büros und Behörden, den Galerien und Clubs, überall sind Lebenslust, Neugierde und Tatendrang zu spüren. Die quirlige Aufbruchsstimmung erinnert an die gute Laune im Berlin der 1990er-Jahre. Hier geht was. Unser letzter Ausflug dauert bis sechs Uhr morgens und endet in einem Club, hineingebaut in eine Eisenbahnbrücke. Das Personal trägt Fantasieuniformen und am DJ-Pult steht ein ausgeschlafener Christian Laubmaier, der wie ein ausgeschlafener DJ Hell auflegt. Für diesen Teil des Berichts kann ich rückblickend aber keine Gewähr mehr übernehmen.

Nach einem schnellen Frühstück fährt uns Zarko in seiner bequemen schwarzen Limousine zum Flughafen. Dabei trägt er so etwas wie eine Anglerjacke.