Blumen, Bienen, Bienenstöcke

Ein Besuch bei Eckard Radke, Bienenzüchter und Präsident des Landesverbands Bayerischer Imker

Es ist faszinierend, wenn Eckard Radke von seiner großen Leidenschaft erzählt. Als Präsident des Landesverbands Bayerischer Imker gehört er zu den wichtigsten Instanzen auf dem Gebiet Bienen und Honig. Er empfängt mich sportlich leger in seinem Haus in Schattenbach. Sechzigerjahre, Hanglage, große Fenster, viel Licht und eine wunderbare Aussicht, im Süden die Alpengipfel, im Westen geht es hinein ins Schwäbische. Nur ist bei meinem Besuch von dieser Pracht nicht viel zu sehen. Es ist der erste echte winterliche Tag in diesem Herbst. Der Schnee liegt vielleicht 10 Zentimeter hoch, hat aber noch nicht die Kraft, sich auf den Straßen zu halten.

Im Haus duftet es nach Wachs, Honig und Holz. Annemarie Radke, fertigt heute in der kleinen Hausmanufaktur Kerzen für das Weihnachtsgeschäft. Natürlich aus Bienenwachs. Sie ist ebenso freundlich wie ihr Mann und nicht unglücklich darüber, dass wir sie bei unserem Rundgang durch den Teil des Hauses, dem Honig und Wachs vorbehalten sind, nach einem kurzen Hallo wieder mit ihrer Beschäftigung allein lassen.

Schließlich sitzen wir vor den Panoramafenstern im Wohnzimmer und trinken Kaffee. Für den Imker Radke sind die Wintermonate eine Zeit, in der er sich verstärkt der Verbandsarbeit und um seine zweite große Leidenschaft, die Fotografie, kümmern kann. Bevorzugte Motive sind die großen B in seinem Leben: Blumen, Bienen, Bienenstöcke – gefolgt von Fernreisen und der Familie. Er ist ein guter Fotograf, seine Bilder vermitteln in ihrer heiteren Poesie einen Eindruck davon, wie nah er den Tieren ist. Und die Aufnahmen sind präzise. Sie geben Beobachtetes wieder und könnten zur Bebilderung in Lehrbüchern herangezogen werden. Vielleicht liegt in diesem Zusammenspiel eine Antwort auf die Frage, warum der pensionierte Lehrer sein Hobby zum zeitfressenden Ehrenamt gemacht hat.

Rund 600 Vereine in Bayern haben sich der Imkerei verschrieben. In diesen Gruppen haben sich um die 30.000 Menschen organisiert, um gemeinsam ihrer Leidenschaft für die Bienenzucht nachzugehen. Zusammen bringen sie es auf wohl etwas über 200.000 Bienenvölker mit jeweils bis zu 40.000 Tieren im Stock zum Saisonhöhepunkt. Im Winter geht die Zahl dann auf wenige Tausend zurück. Ein Bienenleben währt nicht lange, bis auf das Leben der Königin. Ihre Majestät, um die sich bei einem Bienenvolk alles dreht, legt pro Tag bis zu 2.000 Eier, aus denen in einem perfekt eingespielten System permanent neues Leben erwächst. Verliert das Volk die Königin, ist es in der Lage, eine Nachfolgerin nachzuziehen. Im Idealfall geschieht dies in einem Rhythmus, der kein führungsloses Zeitfenster offen lässt. Im zehnjährigen Mittel bringt es ein Volk auf 20 Kilogramm Honig pro Saison. Man sieht, die Imkerei ist keine schnelllebige Wissenschaft. Ihre Anhänger haben einen gewissen Sinn für Langzeitbeobachtung und ein Talent zur Dokumentation.    

Diese Zahlen sind mehr als beeindruckend. Bayern hält in dieser Beziehung sogar noch eine gewisse Sonderstellung in der Republik, erklärt Radke. Der Organisationsgrad ist in anderen Bundesländen nicht annähernd so hoch und auch im europäischen Ausland folgt die Imkerei anderen Strukturen.

Die Ortsvereine sind die Keimzellen der bayerischen Imkerei. Die Mitglieder des Verbands treffen sich auch regelmäßig zu Honigmessen, auf denen Austausch und Beratung großgeschrieben sowie bei Honigverkostungen Sieger in verschiedenen Disziplinen ermittelt werden. Dass Eckard Radke bei diesen Wettbewerben schon öfters unter den Geehrten war, versteht sich da fast von selbst, wird von ihm aber nicht weiter thematisiert.

Für ihn, der seine Honigproduktion von früher mit 80 Völkern auf heute mit 20 Völkern reduziert hat, steht seit einigen Jahren die Ausbildung der Imker im Vordergrund seiner Arbeit. Er gehört zu den Entwicklern des Erfolgsprojekts »Imker auf Probe«. 2003 hat Radke damit begonnen, in seinem Verein Interessierten mit einem Leihbienenvolk über ein Jahr lang den Weg zur Imkerei hin zu ebnen. Der Standort ist das Vereinsgelände, dort treffen sich die Gruppen wöchentlich, um am geliehenen Bienenstock eigenverantwortlich, aber intensiv von den Vereinsmitgliedern begleitet in die Kunst der Imkerei eingewiesen zu werden. Außer einer Jahrespauschale von rund 100 Euro fallen für die Neulinge keine weiteren Kosten für Ausbildung, Ausrüstung, Werkzeug oder andere zur Gewinnung des Honigs notwendige Infrastruktur, wie beispielweise eine Honigschleuder, an. Wer nach dieser Zeit dem Hobby treu bleiben will, bekommt oftmals sein Leihbienenvolk samt Stock überlassen und kann sich dann zu einem eigenen Stellplatz aufmachen oder bei Bedarf noch ein weiteres betreutes Jahr im Verein verbringen.

Dieses ausgezeichnete System wurde seitdem von zahlreichen Vereinen in ganz Bayern übernommen und hat dazu beigetragen, einen Generationenwechsel in der Imkerei einzuläuten. Gegenwärtig ist das Thema auch bei Frauen sehr beliebt, die in einigen Jahrgängen gegenüber den männlichen Imkern schon in der Überzahl sind. Eine Lizenz, um Bienen halten zu können, braucht man in Deutschland übrigens nicht.  

Eckard Radke betont nachdrücklich die wichtige Rolle, die die einzige Imkerschule Schwabens in Kaufbeuren-Kleinkemnat bei der Ausbildung spielt. Seit 40 Jahren kümmert sich diese Institution um die fachliche Grund- und Weiterbildung der Bienenfreunde. Allein im letzten Jahr konnte in 48 Kursen Fachwissen an fast 3.000 Teilnehmer weitergegeben werden.

Dieser Wissenstransfer spielt auch eine unschätzbare Rolle im Kampf um den Erhalt des biologischen Gleichgewichts in unserer Region. Wachgerüttelt durch die niederschmetternden Ergebnisse von Untersuchungen im Bereich der Artenvielfalt bei Insekten fordern nach der Wissenschaft nun auch die Öffentlichkeit und Teile der Politik verbindliche Maßnahmen, um dieser Gefahr entgegenzutreten. Eine Schlüsselposition könnte dabei dem gebündelten Wissen aus der Imkerei zufallen. Bienen spielen nicht nur bei der Befruchtung von Pflanzen eine tragende Rolle. Bei ihrer Bewirtschaftung werden Informationen gesammelt, die als wichtige Indikatoren für die Ermittlung des biologischen Gleichgewichts einzelner lokaler Gebiete gelten, um daraus einen Gesamtzustand ableiten zu können.

Auch der Bestand der Bienenvölker in Schwaben ist verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt. Die Verbände haben es sich zur Aufgabe gemacht, Antworten auf die Fragen ihrer Mitglieder zur Abwehr dieser Gefahren zu finden, und leisten in diesem Zusammenhang erfolgreich Beratungsarbeit. Der schlimmste Feind – neben einem ungeschickten Imker, wie Radke mit einem Augenzwinkern bemerkt – ist die Varroamilbe. Dieser Parasit ist den Siebzigerjahren eingewandert.  Die Milbe entwickelt und vermehrt sich im Bienenstock, in der sogenannten verdeckten Brut. Sie überträgt Viren und saugt den Larven große Mengen ihrer Körperflüssigkeit aus. In der Folge sind die so geschwächten Jungtiere nicht in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen. Geschieht dies in großer Zahl, ist der Bestand des Volkes gefährdet.

Allerdings kann der Befall mittels biotechnischer Hilfsmittel aufgehalten werden. Als Bioland-Imker setzt Eckard Radke beim Einsatz gegen die Varroamilbe aber ausschließlich auf organische Verbindungen wie Ameisen- oder Milchsäure, und das mit gutem Erfolg. Er ist schon seit vielen Jahren der ökologischen Imkerei verpflichtet und füttert dementsprechend ausschließlich Zucker mit Biozertifikat zu. Für Radke geht es beim Thema »bio« nicht nur um die Einhaltung von Verbandsvorgaben. Entscheidender ist das Erkennen der ganzheitlichen Bezugsketten in der Natur. Natürlich wissen die Bienen einer ökologischen Imkerei nicht besser als andere, welcher Apfelbaum nun mit Pestiziden behandelt wurde und welcher nicht. Eine Frage, die Radke immer wieder über sich ergehen lassen muss. Allerdings kann er als Imker bei der Standortauswahl die Qualität des Nahrungsangebots für seine Tiere entscheidend mitbestimmen. Weitere Einflussmöglichkeiten hat er bei der medizinischen Betreuung seiner Völker und eben bei der Zufütterung. Bei der Verkostung von Radkes Waldhonig im Familienkreis am Frühstückstisch fiel die Bewertung des erworbenen Mitbringsels jedenfalls eindeutig aus: volle Punktzahl von der Jury. Es sind manchmal eben doch die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. Das ist bei den Bienen nicht viel anders als bei den Menschen.

www.imkerei-radke.de   
www.lvbi.de
www.imker-schwaben.de