Hore Bukovinei

Jedes Jahr im Mai feiern im Städtchen Frasin Tausende Menschen das größte Volksfest im Norden Rumäniens mit viel Musik und jeder Menge kulinarischer Köstlichkeiten aus der Bukowina Ein Blick über den Tellerrand von Jürgen Kannler

»Wenn du in die Bukowina fahren willst, dann nimm dir Zeit für die Reise!« Gut 1.500 Kilometer einfache Wegstrecke liegen vor mir. Der Rat, auf Flugzeug und Bahn zu verzichten und die Strecke stattdessen mit dem Auto zu fahren, kam von Otto Hallabrin, bis vor Kurzem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bukowina-Institut und wandelndes Lexikon zum Thema.

Die erste Etappe führt über Linz, Wien, Budapest und Debrecen bis in die rumänische Grenzstadt Oradea. Knapp 1.000 Autobahnkilometer mehr oder weniger entlang der Donau. Die ideale Strecke für die ganz dicken Hörbücher. Neben der Fahrbahn Monokultur bis an den Horizont. Die Tempobegrenzung auf den Autobahnen nimmt jede Hektik aus der Fahrt.

Mit dem Grenzübertritt am frühen Samstagabend setzt ein gewaltiger Wolkenbruch ein. Frühlingshochwasser steht auf den fremden Straßen. In der Tankstelle komme ich mit meinem Englisch nicht sehr weit. Doch der Tankwart und seine Frau nehmen sich Zeit für ihren Kunden aus Deutschland. Sie verkaufen Kaffee und versorgen mich geduldig mit Benzin, Motoröl, dem passenden Mautpickerl und einer Tüte rumänischer Fruchtbonbons. Schließlich gleisen sie mich noch auf die Route in den Nordosten des Landes. Morgen stehen ein paar Hundert Kilometer Landstraße auf dem Programm. Erst in Richtung Cluj-Napoca, dann über den Borgopass und durch die Karpaten, bis sich gegen Mittag die Bukowina vor mir auftun wird. Zumindest wenn alles so läuft, wie es mein Reiseplan vorsieht.

Ich komme durch Dörfer mit bunten, niedrigen Häuschen. Wer sich auskennt, weiß, ob der Hof einer deutschen, einer ungarischen oder einer rumänischen Familie gehört

Für heute steht nur noch ein Punkt an. »Wenn du es am ersten Tag bis Oradea schaffst, dann fahr durch die Stadt und suche am Ende der Haupt­straße nach der Einfahrt zum Hotel Paradiso. Die Zimmer sind in Ordnung und die Wirtin kocht ein wunderbares Fischgulasch.« Otto Hallabrin hat mir telefonisch ein Zimmer reserviert. Ich bin an diesem Samstag der einzige Gast. Kurz nach Sonnenaufgang, das Unwetter hat inzwischen aufgehört, sitze ich wieder hinterm Steuer und fahre in einen verschlafenen Sonntagmorgen. Familienverbände im Festtagsstaat machen sich auf den Weg zur Kirche. Wer keinen eigenen Wagen hat, spannt ein Pferd vor den Karren oder fährt per Anhalter. Die Stimmung ist gelöst. Die Gläubigen verschwinden in einer der Kirchenbauten aus Stein oder Holz, die mich auf meinem Weg geleiten. Die
nächsten Stunden gehört die Landstraße mir.

Ich komme durch Dörfer mit bunten, niedrigen Häuschen. Ihre großen Gärten gehen nach hinten. Wer sich auskennt, weiß, ob der Hof einer deutschen, einer ungarischen oder einer rumänischen Familie gehört. Auf Strommasten haben Storchenpaare ihre Nester gebaut. In manchen Ortschaften zähle ich mühelos 50 und mehr von diesen Gelegen.

Um Cluj-Napoca wird die Gegend rauer, der Anstieg beginnt. Schafherden tauchen auf, zuweilen viele Hundert Tiere stark. Gelegentlich stehen jetzt mitten im Nirgendwo neue, mehrstöckige Häuser mit kunstvoll ziselierten Metalldächern. Schwere Gardinen hängen vor den Fenstern und schmiedeeiserne Zäune schirmen die Einfahrten ab. Hier leben lokale Roma-Clans, erzählt mir eine Gruppe Jugendlicher, die sich statt zur heiligen Kommunion lieber auf eine Cola im einzigen Café im Umkreis von 50 Kilometern trifft. Viel Sympathie bringen sie ihren Nachbarn nicht entgegen, aber ihrer eigenen Situation auch nicht. Die Jungen wollen weg von hier, dorthin, wo es Arbeit gibt. Aber der Weg ist weit von hier aus, egal, in welche Richtung, und der erste Schritt ist bekanntlich der schwerste.

Der Borgopass heißt auf Rumänisch Pasul Tihuţa und bringt einen sicher über den Karpatenhauptkamm. Sanfte Hügel und viel Grün. Die Landschaft erinnert ans Allgäu und den Schwarzwald. Nicolae Ceaușescu ließ dort oben, Bram Stoker sei Dank, eine Touristenmelkmaschine in Form eines Dracula-Schlosses errichten. Jeder Rumäne weiß natürlich, dass der echte Vlad Drăculea sein Unwesen weiter im Süden des Landes getrieben hat, aber nachdem ihn der englische Autor hier verewigt hat, wollen die Touristen auch genau hier ihre Geschichte vom Blutsauger erzählt bekommen. Und die Einheimischen bewundern den Diktator noch immer ein wenige für die Chuzpe, mit der er die Gegend zum Touristenland gemacht hat.

Neben dem Hauptprogramm durchstreifen einige Blaskapellen das Gelände, immer bereit, für ein paar Gläschen Hochprozentigen oder einige Scheinchen auf die musikalischen Wünsche ihrer Zuhörer einzugehen

Die letzten 50 Kilometer vor dem Städtchen Frasin ziehen sich. Mittag ist vorbei und der Sonntagsverkehr nimmt zu. In jeder Ortschaft überspannt nun ein Werbebanner die Hauptstraße, das auf die Hora Bucovinei hinweist, das größte Volksfest der Region. Heute ist der große Tag und die Besucher kommen aus allen Himmelrichtungen angereist, um das Spektakel mitzuerleben. Und plötzlich bin ich am ersten Ziel meiner Reise. Nach 1.500 Kilometern erreiche ich Frasin am Ufer des Flüsschens Moldova. Eine Blechlawine schiebt sich durch die Ortschaft, ich lasse mich mittreiben. Auf einmal klopft ein Mann mittleren Alters an die Scheibe. Es ist Georgi Ostafi, die rechte Hand von Emil Ursi, dem Direktor des Bukowina-Museums in Suceava. Er ist mein Ein-Mann-Empfangskomitee und wichtigster Ansprechpartner in den kommenden Tagen. Ostafi spricht ausgezeichnet deutsch und erwartet mich seit einer guten Stunde. Einige Schleichwege und Polizeikontrollen später parken wir den Wagen an der Rückseite eines riesigen Festgeländes, auf dem seit den frühen Morgenstunden alles zusammenströmt, was in der rumänischen Bukowina Beine hat.

Der Ort dient seit langer Zeit als Versammlungsstätte der Menschen hier. Das Tal ist weit und die Schwemmwiesen sind im Mai trocken. Seit den 1990ern etablierten die Politiker die Hora als festen Termin im Festkalender der Region. Früher gab es in jedem Städtchen ein eigenes Volksfest. Nun gibt es die Hora Bukovinei für alle. Auch die Faschisten im Rumänien der 1940er-Jahre versammelten die Bevölkerung zu politischen Kundgebungen an diesem malerischen Ort, wie ich einige Tage später auf historischen Fotodokumenten im Bukowina-Museum sehen kann.

Das eigentliche Festgelände ist so groß wie fünf bis sechs Fußballplätze. An seiner Stirnseite steht eine riesige, überdachte Bühne, auf der seit Stunden getanzt und musiziert und die Heimat in launigen Reden besungen wird. Neben dem Hauptprogramm durchstreifen einige Blaskapellen das Gelände, immer bereit, für ein paar Gläschen Hochprozentigen oder einige Scheinchen auf die musikalischen Wünsche ihrer Zuhörer einzugehen. Die Holz-und Blechbläser werden von mobilen Rhythmusgruppen mit Pauke, Trommel und Becken auf ihrem flotten musikalischen Ritt begleitet. Einige Formationen blasen Holzinstrumente, die unseren Alphörnern ähnlichsehen, oder zierliche Flöten aus Messing, andere spielen auf fanfarenartigen Eigenkonstruktionen, deren Töne einen bis ins Mark gefrieren lassen.

Die Festgesellschaft gefällt sich in ihrer Rolle. Reigentänze werden spontan und über alle Altersgruppen hinweg eröffnet und wieder geschlossen, allerhand wichtige Gespräche mit entfernten Verwandten und guten Freunden, die man schon zu lange nicht mehr gesehen hat, geführt und die eine oder andere Herzensangelegenheit erledigt.Grillstände mit riesigen Fleischbergen übernehmen einen wesentlichen Teil der Verköstigung. Es gibt Spieße mit Fleisch und Brot, Würstchen, die wir als Cevapcici kennen, und Steaks in allen Größen und Formen. Aber auch riesige Käselaibe von Schaf und Kuh werden verzehrt, Töpfe mit Polenta und allerhand scharfen Suppen werden über dem offenen Feuer gerührt, Krautwickel und allerlei saures Gemüse angeboten.

Mit großem Stolz präsentieren einige Pferdezüchter ihre Huzulen. Diese kompakte Pferderasse mit kleinem Kopf gilt mit ihrem glänzenden Fell als besonders geeignet für den Arbeitseinsatz in Wald und Feld. Die schönsten Exemplare werden mit besonders prächtigem Zaumzeug geschmückt, das hier an einigen Ständen von Handwerkern angeboten wird. Neben den Pferdezüchtern zeigen auch einige Hundebesitzer ihre schönsten Würfe. Die Gegend ist unter Fachleuten bekannt für den Ciobănesc Românesc de Bucovina, einen mit 80 Zentimetern Stockmaß recht imposant daherkommenden Schäferhund mit dichtem, schwarz-weiß geschecktem Fell. Die mutigsten unter ihnen scheuen die Auseinandersetzung mit Wölfen und Bären, die hier in den Bergen leben, nicht, wenn es darum geht, die Herde zu schützen. Als Hütehunde gelten sie auch als familienfreundlich und sind ihren Besitzerfamilien mit großer Anhänglichkeit zugetan. Die kleinen Festbesucher wissen, wie es scheint, um den Charakter der Riesen und fürchten sich nicht, festgekrallt ins dichte Fell der Hunde einige Runden über den Festplatz zu reiten.

Die meisten Besucher haben sich für die Hora Bukovinei festlich herausgeputzt, jeder nach seinem Geschmack und Geldbeutel. Einige tragen regionale Tracht oder Teile davon, wie das mit farbigen Mustern bestickte weiße Leinenhemd oder eine Weste aus Schafsfell samt passender Kappe. Es gibt Tanzgruppen vieler hier lebender Bevölkerungsgruppen. Sie kommen aus Ortschaften mit ukrainischen, polnischen, deutschen oder rumänischen Mehrheiten. Die Tanzgruppen übernehmen dort wichtige soziale Aufgaben und erhalten nebenbei das kulturelle Erbe der Region. Es fällt jedoch auf, dass es keine ausgewiesenen Gruppen mit Roma oder jüdischem Hintergrund auf der Hora gibt. Auch diese Teile der Bevölkerung gehören seit Generationen zum Miteinander in der Bukowina.

Die landwirtschaftlichen Produkte aus der Bukowina genießen in Rumänien einen glänzenden Ruf. Bier, Wurst, Käse, Backwaren, Honig oder Pilze und Waldbeeren, der Name Bukowina auf der Verpackung ist ein Versprechen auf Qualität, Geschmack und Frische. Aber mehr auch noch nicht. Gheorghe Flutur (Foto, mit Ehefrau Anna, in der Bukowina eine gefeierte Musikerin) ist sich des Problems bewusst und versucht als Präsident der Region, die Herkunftsbezeichnung Bukowina zu einem geschützten Label zu machen. Von seinem Regierungssitz in Suceava aus arbeitet er an verbindlichen Standards für Produzenten und Käufer und hat bereits einen Verband mit rund 50 Unternehmen ins Leben gerufen, die sich diesen Ideen verpflichtet fühlen.

In der Tat folgen viele Produzenten ursprünglichen, oft auch sehr alten Rezepten und Produktionsweisen bei der Herstellung und Veredlung ihrer Lebensmittel. Lange Zeit nur deshalb, weil es einfach keine erschwinglichen Alternativen zu den angewandten Verfahren gab. Lebensmittelchemie war in Rumänien lange Zeit kein Thema. Heute wissen die Erzeuger sehr wohl vom Wert ihrer Produkte und suchen gemeinsam mit der Politik nach Wegen, diese Erzeugnisse zu vermarkten. Weitere Wachstumsfelder sieht der Präsident in der Holzindustrie und bei der Energiegewinnung in der Bukowina. Allerdings kennt er die Bedeutung einer intakten Natur für den Tourismus, der gerade dabei ist, die Region auch für internationale Gäste zu erschließen.

Ein sanfter Mix aus Öko- und Kulturtourismus könnte tatsächlich wirtschaftliches Potenzial entwickeln. Einige Hundert Bauern bieten bereits Ferien auf dem Bauernhof an, samt Sennerworkshops und Steinpilzwanderungen. Die Nachfrage nach solchen Angeboten, auch aus dem Westen Europas, wächst.

Kulturell hat die Region ebenfalls einiges zu bieten. Vor allem die wunderbar bemalten rumänisch-orthodoxen Moldaukloster in der südlichen Bukowina rund um Suceava sind eine Reise wert. Sie gehen auf Gründungen im 15. Jahrhundert zurück und gehören in ihrer Pracht seit 1993 zum UNESCO-Welterbe.

Besonders in den von Nonnen geführten Klosteranlagen hat sich ein weiterer Schatz bis heute erhalten. Die rumänisch-orthodoxe Kirche hat rund hundert Fastentage im Jahr, an denen vorwiegend vegan gekocht wird. Diese Kultur hat zahllose Rezepte hervorgebracht, die sich bei ihren Zutaten an den Gegebenheiten des Gartenkalenders orientieren und heute von aufgeschlossenen Köchinnen für eine gesunde und zeitgemäße Ernährung wiederentdeckt werden.

Das kulturelle Leben in Suceava und Umgebung wird zu großen Teilen vom Bukowina-Museum getragen. Dem international bekannten Fachmann für das Neolithikum Emil Ursu ist es zu verdanken, dass die Region ein Museumszentrum aufbauen konnte, das sich durchaus mit vergleichbaren westeuropäischen Einrichtungen messen kann. Als Museumsleiter hat er neben der Koordination der verschiedenen Sammlungen einige Forschungseinrichtungen mit aufgebaut, von denen sich die bedeutendste der Beschaffenheit und Restauration historischer Hölzer annimmt. Darüber hinaus verwaltet sein Haus ein Freilichtmuseum und den Ruinenpark der gewaltigen Burganlage über Suceava, einem der wichtigsten Ursprungsorte bukowinischer Kultur aus dem frühen Mittelalter. Dort organisiert sein Haus jährlich Festivals für Klassik- und Hardrock-Fans und die Freunde mittelalterlichen Treibens.

Um von Suceava in die benachbarte, nur 80 Kilometer entfernte ukrainische Stadt Czernowitz zu gelangen, verlässt man mehr als nur die EU. Die historisch gewachsene Region wird von einer Grenze dominiert, die eher trennt als verbindet. Diese Situation ist dem nationalstaatlichen Denken in der Politik geschuldet und wird zum 100. Jahrestag der Gründung Rumäniens 2018 verschärft. Diese Haltung bringt im täglichen Leben für die Menschen keiner der beteiligten Nationen irgendwelche Vorteile. Umso wichtiger ist es, die Partnerschaften über den Umweg Schwaben weiter zu pflegen. Eine Verantwortung, der sich der Bezirk Schwaben seit über zwanzig Jahren stellt.

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