Sind Sie sich gedankenlos?

Wein und Wahrheit von Björn Kühnel

Sind Sie schon regional oder ernähren Sie sich noch völlig naiv und gedankenlos international? Trauen Sie sich noch, feinsten luftgetrockneten Schinken aus Andalusien zu kaufen oder kommt auf ihre Abendbrottafel nur noch der Hausmacherschinken der hiesigen Metzgerei? Ist es die Moral oder sind es die Erkenntnisse der globalen Ökonomie, die immer mehr Unbehagen in unseren Gedanken und Mägen erzeugen? Oder der Schrei nach nachhaltigem, aus der Region kommendem Genuss?

Unbestritten ist es ein Unding, Wasser quer durch Europa zu karren, nur um Lifestyle-Süchte zu befriedigen. Oder geschmackloses Lamm aus Neuseeland um die halbe Erdkugel zu schippern, nur um hier Verbraucher, denen der klassische Lammgeschmack zu intensiv ist, zufriedenzustellen. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für unsinniges Importieren von Lebensmitteln, die keinerlei Bereicherung für unser (kulinarisches) Kulturgut darstellen. Und ganz klar: Für diese Einordnung zieht jeder seine eigenen Grenzen.

Aber müssen wir uns mittlerweile jeder in den letzten Jahrzehnten erfolgten Sinnesöffnung für länderübergreifende kulinarische Neugierde verweigern, allein um das Fähnchen der Verteidigung lokaler Produkte vehement zu schwingen? Natürlich gibt es aromatische Tomaten aus heimischem Anbau, aber wer je eine reife dieser in Österreich nicht zu Unrecht Paradeiser genannten Früchte aus Süditalien probiert hat, weiß, worauf ich hinauswill.

Ich bin ein großer und überzeugter Kämpfer für regionale Produkte! Aber gleichzeitig auch jemand, der es durchaus gewohnt ist, über den Tellerrand zu blicken, und dem seit jeher dogmatische Prinzipien suspekt erscheinen.

Der Hamburger, zum Beispiel, ist und bleibt eine Errungenschaft der Nordamerikaner, auch wenn er mit Zutaten aus Bayern wunderbar schmeckt. Die Pizza ist ohne ihren Geburtsort Neapel nicht denkbar. Noch in den Achtzigerjahren hatte ich einen norditalienischen Freund, der aus Prinzip niemals eine, wie er es nannte, »Mafiatorte« angerührt hätte. Heute ist die Pizza neben der Pasta gesamtitalienisches Aushängeschild. Andererseits finde ich es auch interessant, wenn mein Augsburger Metzger die Einflüsse aus dem Trentino aufnimmt und ein eigenes »Carne salada« - ein in Salz und Kräutern gepökeltes Rindfleisch – produziert. Aber will ich das wirklich? Ist Regionalität auch die Adaption fremder Traditionen zur Befriedigung eigener kulinarischer Gelüste? Oder liebe ich diese fremde Kulinarik gerade wegen ihrer speziellen und nicht so leicht zu multiplizierenden Verfügbarkeit? Muss ich alles ausschließlich hier produzieren, um mein Gewissen zu beruhigen? Wenn in Bayern nun einmal keine Avocado wächst, soll ich dann gänzlich darauf verzichten? Auf der anderen Seite ist es toll, dass es jetzt bayerische Garnelen aus einer Zucht nahe Erding gibt, die völlig ohne Antibiotika und mit bestem Futter aufgezogen werden, und sie nicht mehr aus irgendwelchen Massenzuchten aus Thailand tiefgekühlt importiert werden müssen. Ich denke, alles sollte zumindest kritisch hinterfragt werden.

Aber um es einfacher zu machen: Essen und trinken Sie, was immer Sie wollen und wonach Ihre kulinarische Seele lechzt. Und vernachlässigen Sie dabei nicht die wichtigste Voraussetzung für einen vernünftigen – und damit auch befriedigenden – Konsum: Ihren Geschmack. Wenn Sie mal keine Lust auf deutschen Riesling haben, darf es sehr wohl der Verdejo aus Spanien sein.

Ich finde es extrem wichtig, einheimische Spezialitäten zu fördern und zu genießen, dennoch brauche ich gerade für diesen Genuss auch die Freiheit, Fremdes auszuprobieren, und sei es nur, um festzustellen, dass es daheim doch am besten schmeckt. In diesem Sinne: Es lebe die Vielfalt!