SoLaWi- Ein gutes und innovatives Vorhaben

Das kleine Örtchen Blumenthal, rund 30 Kilometer östlich von Augsburg nahe Aichach gelegen, scheint irgendwie im Nirgendwo zu sein. Unweigerlich schießen einem Bilder von unangepassten Menschen, vielleicht Hippies oder Aussteiger, in den Kopf. Eigentlich stimmt das ja gar nicht, aber ein vorurteilsbehafteter Raum kann sich doch letztlich immer mehr beweisen, als ein Ort ohne Ecken und Kanten. Und was am Hippie- und Ökotum soll denn so schlimm sein?

Solidarische Landwirtschaft, kurz »SoLaWi«, fängt an mich zu begeistern. Ich beginne zu recherchieren. Es scheint demokratisch zu sein, vielleicht mit etwas sozialistischem Teint. Alle sollen so viel bekommen wie sie brauchen. Gutes Gemüse, bei dem sie wissen, wo es her kommt. Sozial schwächer gestellte Menschen können davon profitieren – diejenigen, die mehr haben, können die, die weniger haben, finanziell unterstützen. Klingt gut und plausibel. Mit der Solidarischen Landwirtschaft möchte man die herkömmlichen Wirtschaftskreisläufe unterbrechen. Die Trennung von Produzent und Konsument wird aufgelöst, jeder kann und soll mithelfen. »SoLaWi« fördert und erhält eine bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft, stellt regionale Lebensmittel zur Verfügung und ermöglicht Menschen einen Erfahrungs- und Bildungsraum.

Seine Ursprünge fand das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft in den 1960er Jahren in den sogenannten »Teikes« in Japan. Deutschland erreichte es erst später mit den ersten Projekten wie dem Buschberghof 1988 bei Hamburg. Ein wenig mehr Bekanntsheitsgrad dürfte die »SoLaWi« hierzulande wohl erst 2005 durch den Film »Farmer John« und durch die wachsende Anzahl an Demeter­höfen, die auf Solidarische Landwirtschaft aufbauen, erlangt haben. Mittlerweile findet das Programm immer höhere Nachfrage. Selbst in weiten Teilen der USA wird es von immer mehr Landwirten praktiziert, doch ist noch viel Luft nach oben.

Ein gutes und innovatives Vorhaben also. Der kleine (oder große) Öko in mir begeistert sich nach weiterer Recherche immer mehr, springt auf und sagt: Ich fahre dorthin! Mit dem Wetter habe ich leider nicht gerechnet – es ist Mitte Januar, tiefster Winter und ein Schneetreiben erwischt mich während meines Abstechers von Augsburg gen Osten. Blumenthal ist da, wo man nie anzukommen glaubt. Jedenfalls fühlt es sich bei meiner Fahrt so an. Ein Rechtsabbieger-Pfeil erscheint. Leider mit der Aufschrift: Bequemschuhe. Das ist jetzt wirklich nicht das, was ich brauche, wenn dann eher doch Trockenschuhe

Irgendwann sehe ich dann wirklich Licht. Die prächtigen Renaissancebauten, die lange Zeit unter fuggerscher Hand standen, tauchen auf. Blumenthal scheint wie eine andere Welt. Hier leben Menschen, die bewusst von den Konfusionen der Gegenwart abgeschottet sein wollen – zurück zu den Ursprüngen, zurück zur Natur. Diese Vorstellung findet man in den heutigen Tagen immer öfter, die fast schon romantische Besinnung auf das Wesentliche ist im Vormarsch.

Ich werde überaus herzlich von zwei der fünf »SoLaWi«-Initiatoren Meike Karl und René Räpple empfangen und bin der einzige Gast. »Bei dem Wetter tut sich das keiner an, von außerhalb hierher zu kommen«, erklärt mir die gelernte Gärtnerin Meike. Die junge Frau, die bereits Erfahrungen mit dem Konzept der »SoLaWi« während ihrer Ausbildung in Olching machte, zeigt mir anhand ihrer Powerpointpräsentation das Konzept und dessen Kerngedanken.

Ein Hektar Acker und 400 Quadratmeter Gewächshaus sind für die über 50 verschiedenen Gemüsesorten vorgesehen. »Eigentlich ist es zu diesem Konzept in Blumenthal eher schleichend gekommen«, berichtet mir Meike. »Angebaut haben wir hier schon länger für uns selbst, irgendwann kam dann die Idee: Wieso dann nicht auch für andere? In Augsburg gibt es bereits eine gefestigte Gemeinschaft der Solidarischen Landwirtschaft und so konnten wir mit unseren Plänen auf sie zugehen.« Und weiter erklärt René: »Gemeinsam mit unseren Landwirten sorgen wir mit der »SolaWi« dafür, dass eine Gemeinschaft entsteht, die nicht von Wettbewerbsdenken und Profitorientierung geleitet ist, sondern von solidarischer Teilhabe.«
Gute Kooperation mit der »SoLaWi«.

Augsburg ist besonders wichtig für diejenigen, die gerne Gemüse aus Blumenthal beziehen möchten, jedoch nicht jede Woche die Anfahrt auf sich nehmen können: »Wir haben verschiedene Depotstellen in Augsburg, wie zum Beispiel in Göggingen, Herrenbach, Senkelbach oder Hochzoll, die wir beliefern werden«, so René. Neue Standorte sind bereits in Planung: Friedberg, Aichach oder Dasing sollen ebenso beliefert werden.

Die Blumenthaler »SoLaWi« basiert auf einem selbstentworfenen Staffelmodell: »Aus verschiedenen Gründen haben wir uns gegen sogenannte Bieterrunden, bei der die einzelnen Mitglieder durch Gebote ihren individuellen Beitrag festlegen, ausgesprochen«, erklärt Meike. »Das Staffelmodell fanden wir nach einer großen Überdenkzeit für uns geeigneter. Es integriert eine individuelle, gerechte Verteilung und einen solidarischen Preis.« Dieses Modell dient dazu, sowohl Kosten als auch die Ernte gerecht unter den Mitgliedern aufzuteilen, auch wenn die Ernte mal schlecht ausfällt. Hierfür ist ein Grund­betrag (auch Sockelbetrag genannt) von 20 Euro notwendig. Dieser dient dazu, die Grundlagen für die Pacht, Kosten für Maschinenabschreibung, Bodenbearbeitung und die Verwaltung zu garantieren. Hinzu kommt ein weiterer Betrag, der sich aus dem jeweiligen, individuell zusammengesetzten Gemüsebedarf, den sogenannten »Gemüseoptionen« zusammensetzt.

Die Gemüseoption einer Einzelperson beträgt beispielsweise 35 Euro, die einer (Klein-)Familie 70 Euro. Menschen, die einen besonders hohen Bedarf in ihrer Ernährung haben wie Vegetarier oder Veganer, können ihren Anteil verdoppeln oder sogar verdreifachen. Zudem ist es möglich, mit seinem Beitrag einen sogenannten »Förderanteil« zu leisten, der beispielsweise für den weiteren Ausbau der Bepflanzung oder die Unterstützung finanziell schwächer Gestellter dient. So ist es auch möglich, bloßes Fördermitglied zu werden, ohne einen eigenen Ernteanteil abzunehmen.
Ein erster wichtiger Schritt in Richtung »SoLaWi« wurde bereits neben der ganzen bürokratischen Vorarbeit geleistet: Der Aufbau und die Einweihung des Gewächshauses am 11. Februar diesen Jahres. Auch möchten die Landwirte der »SoLaWi« in den kommenden Jahren mit einer Erweiterung der gegenwärtig verpachteten Flächen irgendwann zusätzlich Milchprodukte und Honig in ihren Plan mit aufnehmen, Fleischtierhaltung ist jedoch nicht vorgesehen.

So geht es mit den ersten Pflanzungen bald ins Eingemachte. Freiwillige Helfer sind dabei gerne gesehen: »Wir bauen sowohl auf die »SoLaWi«-Mitglieder als auch auf Menschen, die ehrenamtlich hier mithelfen. Diese können gerne Abnehmer unseres Gemüses sein, dies ist aber keine Bedingung für die Beteiligung.«, erklärt mir Meike.

Damit diese großen Pläne wirklich Früchte tragen, benötigt die »SolaWi« Blumenthal jedoch mindestens 140 Haushalte, die sich an diesem Konzept beteiligen oder es mit finanziellen Mitteln unterstützen. Bisher sind es umgerechnet 60, wobei diese das eigene Hotel integrieren. Es besteht also noch Bedarf an weiteren, festen Mitgliedern und Unterstützern. Wer nun inspiriert wurde und mehr über die Solidarische Landwirtschaft erfahren möchte, kann bei der »Solawi» Augsburg unter www.solidarische-landwirtschaft-augsburg.de weitere Infos bekommen oder Blumenthal direkt unterstützen:
www.solawiblumenthal.wordpress.com