Unser Mann in Berlin

Zum Ende des Brechtfestivals gastiert das Berliner Ensemble in Augsburg. An zwei Abenden läuft »Mutter Courage und ihre Kinder« im Stadttheater. Grund genug für Jürgen Kannler, sich in der Vorweihnachtszeit auf den Weg von A nach B zu machen, um zu sehen, was die Hauptstadt so alles mit dem Sohn unserer Stadt anzufangen weiß.

Der ICE ist pünktlich wie immer und das Hotel in Moabit entlang der Spree zu Fuß schnell zu erreichen. Ich habe vergessen, die Reservierung des Zimmers per Mail zu bestätigen, nun ist es belegt. Kein Problem, ruft mir die russische Oma an der Rezeption zu und reicht mir die Schlüssel zu einem Apartment mit Hofblick. Sie berechnet keinen Aufpreis für den Luxus, sondern überreicht mir auf Nachfrage aus ihrem privaten Vorrat einige Teebeutel. Die klimatisierte Luft im Zug kratzt noch immer in meiner Kehle und meine soeben bezogene Küche verfügt glücklicherweise über einen Wasserkocher.

Auch mein Weg zum Berliner Ensemble führt immer am Wasser entlang. Die Stadt wirkt Ende Dezember fast verlassen zwischen neuem Hauptbahnhof, Regierungsviertel und Schiffbauerdamm. Die Berliner bleiben bei diesem Wetter lieber zu Hause und meine Touristenkollegen bevorzugen wohl die Vergnügungsviertel östlich der Friedrichstraße. Ich freue mich über die Glückssträhne und beschließe, in den kommenden Tagen alle Strecken zu Fuß zu gehen.

Das Theater am Schiffbauerdamm empfängt im Haupteingang mit einer flotten kleinen Bar. Hier kann man, kurz bevor der Vorhang hochgeht und auch sonst zu fast jeder Tageszeit, ein schnelles Bierchen zischen, dazu gibt es Buletten mit Senf für zweifünfzig. Am Theater zu Hause überlegen sie gerade, was man alles neu oder anders machen sollte, wenn 2016 umgebaut wird. So eine Theke, für jeden offen und gut zu erreichen, wäre ein willkommener Ort, um zwischendurch den Stecker zu ziehen.

Der Platz vor dem Theater gehört zur guten Stube der Stadt. Die Berliner haben ihn nach dem Augsburger Bertolt Brecht benannt

Heute Abend steht eine Premiere auf dem Spielplan, die eine Revue durch Brechts Stücke in Liedern und Gedichten verspricht. Titel: »Es wechseln die Zeiten …«. Ich habe noch etwas Zeit und sehe mich um. Wolfgang Thierse steht vor dem Theater und raucht. Ich frage ihn, ob er gerne ins Berliner Ensemble geht. Klar, das stand schon auf dem Programm, als die Stadt noch eine Mauer trennte. Dass Teile der Augsburger CSU Brecht für sich entdeckt haben, findet er lustig. Die haben entweder Brecht nicht verstanden oder ihr Parteiprogramm.

Der Platz vor dem Theater gehört zur guten Stube der Stadt, mit Blick über das Wasser hin zu den protzigen Hauptstadtbüros der Fernsehsender. Die Berliner haben ihn nach dem Augsburger Bertolt Brecht benannt. Eine übermannsgroße Bronze-skulptur ehrt den Mann, der seine künstlerische Heimat bis zuletzt im Berliner Ensemble hatte. Das Denkmal ist trotz seiner Präsenz nicht wuchtig. Brecht sitzt, wie man ihn zu kennen glaubt, auf einer Bank und hat ein Plätzchen für alle, die sich kurz neben ihn setzen wollen, frei gelassen. In dieser kalten Dezembernacht suchen viele seine Nähe, und sei es nur für ein gemeinsames Foto. Ich knipse ein Ehepaar aus Brandenburg. Er sieht aus wie der nette Ossi mit der Schiebermütze aus dem Berliner Tatort, seine Frau wie meine Mutter. Auch sie haben sich fein gemacht fürs Theater.

Die dominierende Haarfarbe an diesem Abend ist Grau. Die Stimmung locker. Eher Hirn statt große Show. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass OIiver Reese 2017 neuer Intendant des Berliner Ensembles werden soll. Die Süddeutsche Zeitung brachte es auf der Titelseite. Es gibt nicht viele Theater, deren Personalpolitik an dieser Stelle Erwähnung findet. Obwohl das Haus augenblicklich wohl weniger zu den ganz heißen Pulsgebern in der deutschsprachigen Theaterlandschaft gehört, steht das Theater am Schiffbauerdamm und damit das Berliner Ensemble beständig im Interesse der Öffentlichkeit. Es wird verehrt, geliebt und wohl auch etwas verklärt. Zu verdanken hat es diesen Status Brecht, unserem Mann in Berlin, und seinen Nachfolgern.

Über der Bühne, auf der im August 1928 die Dreigroschenoper uraufgeführt wurde, breiten etwas heruntergekommene Engel ihre Flügel aus. Ich suche mir meinen Platz und vertue mich in der Reihe. Der freundliche Herr zeigt Verständnis und wertet es als legitimen Versuch, den Abend neben seiner Begleitung zu verbringen. Sein Name ist Peymann und er ist der Chef im Berliner Ensemble. Heute Abend sitzt er zwischen der bereits erwähnten Dame und einem Kameramann, der die Revue aufnehmen soll. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das Programm, eigentlich für ein Gastspiel am Pariser Théâtre de la Ville zusammengestellt, wird vom Ensemble spielend beherrscht. Bühnenbild, Orchester und Kostüme unterscheiden sich kaum von vergleichbaren Inszenierungen, wie es sie hier immer wieder gab und wie sie in Auszügen auch beim Brechtfestival in Augsburg zu sehen waren. Der Applaus: nicht stürmisch, aber warmherzig. Das Publikum hat sich gut unterhalten und geht erst einmal einen trinken.

Am folgenden Abend sehe ich »Mutter Courage und ihre Kinder« des Noch-Intendanten Claus Peymann. Heute sitzt er nicht vor mir. Dafür ist das Programmheft ein 120 Seiten starkes Buch mit sämtlichen Textänderungen des Meisters. Kostenpunkt: 3,50 Euro. Das Publikum heute: deutlich jünger und international. Viele sehen aus wie Studenten oder Schüler. Neben Deutsch sind Sprachfetzen in Französisch, Italienisch und Ungarisch zu hören. Hinter mir sitzen Schweizer und neben mir eine Mama aus der Vorstadt mit ihren Söhnen (12 und 16 Jahre). Die Stimmung ist ein wenig aufgekratzt, das nahezu ausverkaufte Haus fiebert dieser zehn Jahre alten Inszenierung tatsächlich entgegen. Kaum zu glauben. Natürlich wird der Abend ein voller Erfolg. Carmen-Maja Antoni und ihre Kollegen ziehen den Wagen über die Bühne, wie sie es seit Jahren tun, und dennoch ist kaum Routine spürbar. Besonders anrührend auch Michael Rothmann als Schweizerkas und natürlich Karla Sengteller, sie spielt die Tochter Kattrin.

Ich gehe essen. Gleich um die Ecke wirbt die Brasserie Ganymed mit einladender Zurückhaltung. Restaurantleiter Patrick Willems kennt mich vom Vorabend und organisiert mir einen hübschen Tisch in der Mitte des Geschehens, mit Blick auf eine anmutige Tänzerin im roten Kleid, die zum Sound einer Jazzkapelle Pirouetten dreht. Das ist Anita Berber, flüstert er mir zu. Sie liebte Kokain, Cognac, Frauen und Männer. Die Ausstatter vom Berliner Ensemble haben das Bild eigens für diesen Raum gemalt. Ich bestelle ein Glas Champagner, proste der schönen Rothaarigen dezent zu und freue mich, dass es zumindest in Berlin noch Lokale gibt, in denen auch Brecht gern verkehrte.

Brecht suchte den schönen Ausblick, ob an der Kahnfahrt oder am Schiffbauerdamm

In den letzten Jahren luden er und seine Frau Helene die Kollegen vom Ensemble ja eher zum Gulasch in die eigenen vier Wände, als das Nachtleben Berlins zu bereichern. In der Brecht-Weigel-Gedenkstätte Chausseestraße 125 kann man sehen, wie er bis zuletzt gelebt und gearbeitet hat, unser Mann in Berlin. Im Halbstundentakt führen Mitarbeiterinnen Besucher durch die Räume. Es sind viele Tausend im Jahr. Seine Wohnung lag im ersten Stock, mit einfachen, aber soliden Möbeln ausgestattet. Neben dem Sterbebett die abgelegten Zeitungen vom 14. August 1956. Obenauf eine Ausgabe der Herald Tribune. An den Wänden einige Regale voll mit seinen zerlesenen Büchern. Dazwischen drei japanische Masken, die so winzig erscheinen, als wären sie für Kinderköpfe geschnitzt. Asiatika auch im Schlafzimmer. Konfuzius, Tusche auf Pergament. Schriftrollen mit chinesischen Texten und im großen Zimmer Jesus und Maria. Mittelalterliche Holzfiguren aus Schwaben, wie Stefani Thomas, mein freundlicher Guide, zu berichten weiß. Da schau her. Der Gottessohn und seine Frau Mama aus heimischen Hölzern gearbeitet. Und der Platz in der Mitte bleibt frei. Der Blick auf den benachbarten Park ist der Blick auf seine letzte Ruhestätte. Brecht suchte den schönen Ausblick. Ob an der Kahnfahrt in der alten Heimat, am Schiffbauerdamm oder hier in seinem Arbeitszimmer.

Helene Weigel lebte eine Etage tiefer. Hier gab es auch eine Küche und den kleinen Garten. Im Vergleich zu Brechts Reich wirken die Räume schwerer und etwas gekünstelt. In der zweiten Etage hat Weigel das Archiv untergebracht. Zusammen mit dem Literaturforum im Brecht-Haus bildet es das akademische Gerüst für die Gedenkstätte. Wer sich fragt, was aus dem Brechthaus in Augsburg werden soll, der könnte hier Antworten finden. Ihre Besucher fragen oft nach den Arbeiten von Brecht, erzählt Stefani Thomas beim Verlassen des Hauses. Hierzu gibt es allerdings keine Dokumentation.

Natürlich besuche ich zum Abschluss das Grab von Brecht und Weigel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Zuerst laufe ich daran vorbei, so schlicht ist es. Brecht befindet sich hier in bester Gesellschaft. Männer wie Hanns Eisler, Johannes R. Becher oder John Heartfield liegen in der Nachbarschaft. Die Ruhe inmitten der Hauptstadt macht mich etwas melancholisch und ich wünsche mir auch einen Platz in Augsburg, wo ich unserem Mann in Berlin jederzeit so nahe sein kann.