Veneto

Um von Augsburg in die nördlichste Region des Veneto zu gelangen, fährt man keine 350 Kilometer. Man quert zwei Landesgrenzen und erreicht nach drei guten Fahrtstunden Cortina d’Ampezzo.

Dieses Städtchen an der Grenze zu Südtirol ist zweisprachig. Auf Ladinisch heißt der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1956 Anpezo. Seine wunderbare Lage am Fuße des Monte Cristallo und die Nähe zu den Zentren Oberitaliens mit all ihrer Eleganz machten Cortina zum natürlichen Refugium für James Bond und andere Spezialagenten. Schon lange vor den Filmcrews brachte die Kunst der Speiseeisherstellung, die hier in der Gegend eine lange Tradition genießt, eine gewisse Weltläufigkeit in das Tal. Von hier aus wurden Europa und ein guter Teil Nordamerikas mit der ewigen Sucht nach der kalten, fruchtig-cremigen Süße kolonialisiert. Noch heute gibt es in jeder Stadt, die etwas auf sich hält, zumindest eine Cortina-Eisdiele.

Wir folgen der SS 50 weiter talwärts, verlassen bei Bassano del Grappa das Bergland und ahnen, dass es in diesem Städtchen mehr zu entdecken gibt als eine putzige Altstadt entlang einer wilden Brenta. Dort hat auch die Brennerei Nardini, eine der verdienstvollsten Destillen Italiens, ihren Sitz. Von hier aus sind es noch 50 Kilometer bis zu unserem Reiseziel Treviso. Wir beschränken uns bei der Verkostung im Nardini-Stammhaus auf eine kleinere Auswahl.

Treviso hat gut 80.000 Einwohner und ist ursprünglichstes Hinterland von Venedig. Vom Stadtzentrum, aus sind es keine 30 Kilometer zum Dogenpalast. Der historische Teil der Stadt, also das gesamte Zentrum wird vom Flüsschen Sile und seinen zahllosen Kanälen geprägt, die sich quer durch den Kern und entlang der komplett erhaltenen Stadtmauer ziehen.

Die Nähe zu Venedig hat Treviso reich gemacht und das kluge Handeln seiner Bürger hat diesen Reichtum über die Jahrhunderte erhalten und gemehrt. Von hier aus wurde nicht nur der Grappa, sondern auch der Prosecco zum weltweilt lukrativen Geschäft geformt. Keine schlechte Leistung, gerade wenn man bedenkt, dass der Wareneinsatz für beide Produkte traditionell eher überschaubar war und die Verdienstmöglichkeiten damit umso verlockender. Vino Bianco Prosecco offen ausgeschenkt, das Gläschen für knapp einen Euro, ist der bevorzugte Wein dieser Region. In seiner Frische, Unkompliziertheit und Eleganz leistet er überzeigend Abbitte für die zahllosen Sünden, die nördlich der Alpen bis heute in seinem Namen geschehen.

Die Vereinigung von Meer und Ebene zelebriert man in Treviso ebenso wie in Venedig, gerne mit zart zubereiteten Meeresfrüchten wie den Seppi in einer dicken, schwarz gefärbten  Soße vom Tintenfisch und einer Portion Polenta. Der Maisbrei kommt hier in allen Formen, Konsistenzen und Gelbtönen auf den Tisch und jede Küche schwört auf ihr Rezept.

Eine weitere Spezialität der Stadt ist der Radicchio Rosso di Treviso. Man legt ihn auf den Grill, bereitet daraus ein unglaubliches Risotto oder isst ihn, wenn es sein muss, auch als Salat. Als Gemüse der kalten Jahreszeit ist er ein willkommener Vitamin- und Eisenspender. Geschmacklich hat er mit dem plump-bitterlichen Blattsalat, wie wir ihn kennen, kaum etwas gemein. Auch seine Anmutung ist feingliedriger und fantasievoller. Seine schlanken Blätter erinnern an die Fangarme  von Polypen. Auf den Wochenmärken in Treviso wird er pro Kilo um die fünf Euro gehandelt. Sieben Euro zahlt man dort für eine Auswahl von zehn geputzten und gewässerten Artischockenherzen. Wir durften sie in der Pasta, als gebratenes Gemüse und natürlich sauer eingelegt probieren.

Die Nähe zu Venedig war für Treviso nicht nur in der Vergangenheit Gold wert, sondern ist auch heute noch unbezahlbar. Während sich in der Lagunenstadt täglich die Menschenmassen durch die Gassen quälen, lebt man hier beschaulich ruhig. Würde die Serenissima nicht als unvergleichlicher Magnet den Tourismus einer ganzen Region auf sich ziehen, wäre die kleine Nachbarin an der Sile gewiss kein so gepflegter Ort des Wohlstands und Genusses, wie wir ihn erlebt haben. Ein Standortvorteil, der wohl auch einen Konzern wie Benetton hier hält.

Handwerkliches Geschick, Kreativität, die Lust und das Geschick beim Handel sind die Basis für den Reichtum dieser Region, der hier nur selten mondän oder gar prahlerisch daherkommt. Großmannssucht ist hier verpönt. Man zeigt, was man hat, in Codes. Stoffe und Muster spielen eine Rolle. Kleine Gesten und Redewendungen verraten viel. Und man kennt sich aus, wenn es ums Essen und Trinken geht.

Die Region zählt zu den reichsten in Europa, schmückt ihre Städte mit Kunst und lebt ihre Kultur. In diesem Herbst buhlten neben zahllosen kleineren Veranstaltungen eine großartige Ausstellung mit Arbeiten Francis Bacons und eine reich bestückte Impressionisten-Schau um die Gunst der Besucher. Beworben werden diese Ereignisse unter anderem mit individuellen Motiven an zahllosen Schaufenstern.

Wer Treviso als Ausgangspunkt für Ausflüge nutzt, ist verhältnismäßig schnell am Kanal der Brenta mit den weltberühmten Palladio-Villen zu beiden Seiten der Ufer. Diese Atmosphäre sollte man eigentlich mit dem Radl genießen. Wer also die Möglichkeit hat, sein Fahrrad mit auf die Reise zu nehmen, sollte diese Chance in Erwägung ziehen. Denn auch Richtung Adria bietet Venetien schöne Radwege durch Landschaften, die gerade im Herbst ihre besonderen Reize ausspielen.

Wir haben uns für eine Tour entlang des Tagliamento entschieden. Der Fluss entspringt in den Friauler Dolomiten und kennzeichnet in seinem unteren Verlauf die Grenze zu Venetien. Im Herbst zeigt er sich von seiner schönsten, fast poetischen Seite. In weiten Bögen durchzieht er gemächlich die uralte Kulturlandschaft, deren wichtigste Lebensader er ist. Nach starken Regenfällen, vor allem aber während der Schneeschmelze im Frühjahr verwandelt sich der Tagliamento in einen wilden Bergfluss, der über die Ufer tritt und alles Schutzlose mit sich reißt und hinunter ins Meer spült. Die Menschen haben gelernt, von und mit dem Fluss zu leben. Dämme bändigen ihn. Auf ihnen wurden viele Kilometer gute Rad- und Wanderwege angelegt. Sie erlauben fast intime Blicke auf das Leben in den Höfen zu ihren Füßen. Die Menschen hier begegnen den wenigen Wanderern mit großer Gastfreundschaft und freundlicher Neugierde, wie fast überall in der Region, sobald man abseits der großen Touristenströme seinen Weg sucht.

Zwischen den Küstenorten Bibione und Lignano fließt der Tagliamento in die Adria. Die breiten, kilometerlangen Strände links und rechts der Mündung sind im November, von einigen Muschelfischern abgesehen, menschenleer und laden zu wunderbaren Spaziergängen im weichen Sand. Hier wurde ab den 60er-Jahren die Italiensehnsucht der Deutschen gestillt und noch heute tummeln sich in den Sommermonaten Hunderttausende. Mit Saisonende wird das Hinterland dicht gemacht. Hohe Sandwälle sollen die Viertel hinter den Strandbädern vor den Winterstürmen schützen. Hotelanlagen, Campingplätze und endlose Reihen mit Ferienwohnungen stehen nun leer. Nicht eine Bar lädt zum schnellen Espresso oder kurzen Weißen. Die Besucher sind für dieses Jahr gegangen und die Einheimischen haben hier jetzt nichts verloren. Sie erholen sich im Hinterland oder leben in den Vierteln, die vor 50 Jahren einmal die Keimzellen waren, aus denen heraus der Tourismus das Land übernommen hat.

Hier finden sich vereinzelt Straßenzüge mit geöffneten Bars und gelegentlich lädt sogar noch ein Restaurant zum Mittagstisch. Dieser Einladung kann man getrost nachkommen. Eine Küche, die hier im November Kundschaft findet, ist immer einen Besuch wert. Wir bestellen eine große Schüssel gemischter Muscheln in Weißwein und Spaghetti alle Vongole. Als Vorspeise empfiehlt der Wirt gemischte Meeresfrüchte. Natürlich zahlt sich das Vertrauen aus. An diesem Ort könnte sich ein schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Restaurant nach der Saison kaum halten.