Der Apfel

Obst in all seiner kulturellen Freiheit – das Kulturgut Streuobstwiesen. Eine Spurensuche von Björn Kühnel

Eine ihrer wichtigsten Aufgaben, sagt Manuela Riepold, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege beim Landratsamt Aichach-Friedberg, sei es, die Landschaft sensibel zu entwickeln.

Dazu gehöre auch das Kulturgut der Streuobstwiesen. Was genau ist das? Und warum ist es Kulturgut, also etwas für die Ausprägung und Erhaltung unserer Kultur Essenzielles?

Zunächst einmal vielleicht zur Erklärung oder besser Definition des Begriffs Streuobstwiese bzw. Streuobst.

Als Streuobst bezeichnet man die traditionelle, extensive Form des Obstbaus (zum Beispiel mit Apfel-, Birnen-, Zwetschgen-, Kirsch- oder Walnussbäumen sowie Wildobst) in Unterscheidung zum Niederstamm-Obstbau in Plantagen. Es handelt sich um Bestände meist hochstämmiger Obstbäume, aber auch um Halbstämme mit typischen Merkmalen wie weiträumigem Pflanzabstand, unterschiedlichen Altersklassen und Obstarten, starkem Wuchs und großen Baumkronen. Charakteristisch sind der Verzicht auf synthetische Behandlungsmittel sowie ein höherer Anteil »alter«, zum Teil regio­naltypischer Sorten. Traditionell üblich ist die landwirtschaftliche Mehrfachnutzung der Flächen, die sowohl der Obsterzeugung als auch der Grünlandnutzung dient. Auch ackerbauliche oder gärtnerische Unternutzungen kommen vor. Seinen Namen verdankt das Streuobst seiner unregelmäßigen, wie zufällig über die Fläche gestreuten Anordnung. Streuobst gibt es allerdings auch in Reihen- oder Einzelbaumpflanzungen. Im Unterschied zu modernen Dichtpflanzungen mit geschlossenen einheitlichen Pflanzungen ist in Streuobstbeständen stets der Einzelbaum erkennbar.

So weit die Erklärung des Bundes für Umwelt- und Naturschutz. Aber die Definition geht für Manuela Riepold und ihre Kollegen aus den Landkreisen Neu-Ulm, Augsburg und Donau-Ries sogar noch weiter. Sie sind auf der Suche nach alten, vergessenen bzw. verschollen geglaubten Sorten, die im Einzelfall auch im privaten Garten noch irgendwo als Einzelbaum existieren. Die Geschichte der Streuobstwiesen ist wohl eine lange. Zum Beispiel wurden vermutlich in vergangenen Zeiten Obstbäume als Grenzzeichen verwendet und an Poststraßen kultiviert, um die Kuriere zu leiten und sie, wie auch die Kutscheninsassen selbst, auf langen Wegen mit Nahrung zu versorgen. Schon Karl der Große ließ Obstbäume pflanzen, um das Volk mit Vitaminen zu versorgen, und jeder Heiratswillige oder Neuankömmling musste vor den Toren der Städte junge Obstbäume pflanzen.

Vor mehr als 200 Jahren waren allein in Bayern über 1.500 Apfel- und Birnensorten verbreitet

Diese Fruchtversorgung war also wichtiger 
Bestandteil jeglicher Regionen. Erst im 19. Jahrhundert war es durch die Eisenbahn möglich, Obst aus bestimmten Gegenden schnell und verhältnismäßig einfach flächendeckend zu verteilen, somit verfiel die Notwendigkeit des regionalen Anbaus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg eroberte der Plantagenanbau den Obstmarkt, sowohl die Aufzucht und die Pflege wie auch vor allem die Ernte wurden eklatant vereinfacht. Der Einsatz von Maschinen machte alles deutlich rentabler, die Streuobstwiesen verschwanden. Selbst der Staat förderte den Rückbau der »wilden Bestände«, noch in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine Prämie von ca. 3.000 DM für einen Hektar gerodeten Bestands für die Neunutzung, zum Beispiel für Straßen oder als Bauland. Mittlerweile gelten die Streuobstwiesen auf der Roten Liste der 
Biotoptypen als gefährdetes Areal und wieder schützenswert.

Vor mehr als 200 Jahren waren allein in Bay­ern über 1.500 Apfel- und Birnensorten verbreitet. Davon befinden sich noch 30 bis 40 Sorten im Handel, 20 davon haben eine wirtschaftliche Bedeutung, im Einzelhandel sind es lediglich noch fünf bis sechs dieser einheimischen Sorten. 1868 wurden für Schwaben unter anderem Apfelsorten wie Sommerrabau und Winterquittenapfel oder Birnensorten wie Colomas Herbstbutterbirne und Wildling von Motte empfohlen. Sorten, die heute als verschollen gelten oder extrem stark gefährdet sind. Und schon sind wir wieder bei der Aussage, Landschaft sensibel zu entwickeln, neu zu interpretieren und Vergessenes und Gefährdetes wieder zu aktivieren. Dazu gehört ganz besonders die kulturlandschaftlich wertvolle Streuobstwiese.

Das Biotop Streuobstwiese ist unglaublich komplex. Wildwuchs, erwünschtes Totholz, das im normalen öffentlichen Bereich aufgrund des Gefahrenpotenzials nicht zulässig wäre, hier aber als wertvoller Teil des Biotops seinen Beitrag leistet, Ansammlungen verschiedenster Gräser, Kräuter und Mikroorganismen, ganz zu schweigen von der Heimat einer unglaublichen Zahl an Insekten und Getier jeglicher Art, machen dieses Areal zu einem unschätzbaren Identitätspool unserer Flora und Fauna. Streuobstwiesen bieten Lebensraum für über 5.000 Tier- und Pflanzenarten.

Nicht zuletzt prägen die locker stehenden, im Frühjahr herrlich divers blühenden Bäume das Landschaftsbild deutlich. Was auch ein Grund dafür ist, dass sich immer mehr private Initiativen bilden, die sich für den Erhalt und den Ausbau der Streuobstwiesenkultur einsetzen.

Für Manuela Riepold ist vor allem die Tatsache der Biodiversität der wichtigste Faktor. Der Ausbreitung der Monokulturen einer modernen Agrarnutzung einen (noch) kleinen Widerpart entgegenzustellen, sieht sie für die natürliche Entwicklung unserer Landschaften als unabdinglich an.

Die letzten Jahre gab es praktisch kaum Neupflanzungen, der Bestand wurde nicht als etwas »Besonderes« gesehen. Eine Wiese mit Obstbäumen halt, die letztendlich nur Arbeit macht. Das ändert sich erfreulicherweise allerdings immer mehr. Durch die Sensibilisierung für die regionalen Besonderheiten und die Verantwortung für die Heimat entdecken viele wieder das Wohlfühlen in der Natur, speziell hier im naturnahen Anbau, nicht zuletzt zur Selbstversorgung. Da aber aufgrund der mangelnden Pflege – oft durch Unwissenheit oder absichtliche Verwilderung – der bestehenden Streuobstwiesen ein großer Teil der jungen Bäume vorzeitig vergreist und sich nicht zu großkronigen, ökologisch wertvollen Bäumen entwickelt, besteht hier Handlungsbedarf. 
Ältere Bäume werden instabil, Teilbereiche der Krone sterben ab. Ein starker Fruchtansatz oder ungünstige Witterungsverhältnisse können unter diesen Bedingungen schnell zu einem Abreißen großer Äste und zu irreversiblen Schäden führen.

Das Biotop Streuobstwiese ist unglaublich komplex – ein Identitätspool unserer Flora und Fauna

Untersuchungen zeigen, dass die Baumgeneration von 15 bis 50 Jahre alten Bäumen in der Regel nur schwach vertreten ist. Es besteht daher die Gefahr, dass viele Streuobstbestände in einem relativ kurzen Zeitraum verloren gehen. Auf diese Situation geht das PLENUM-Projekt Streuobst ein, in dem Maßnahmen und Möglichkeiten zur Verjüngung von Streuobstwiesen entwickelt werden. Streuobstbäume haben ein großes Regenerationspotenzial, durch einen fachkundigen Schnitt können sie revitalisiert werden, sodass sich ihre Lebensdauer um Jahrzehnte verlängern kann. Dennoch ist für viele Liebhaber der wilden Streuobstwiesen der Reiz eben gerade dieser Verfall, der optisch so viele romantische Akzente setzt.

Umso wichtiger ist die Mithilfe vor allem auch privater Unterstützer, alte Sorten katalogisieren zu lassen. Laut Riepold sind besonders Wiederentdeckungen von Apfel- (oder auch anderen Obst-) Sorten von großer Bedeutung, die seit 50 oder mehr Jahren nicht mehr registriert wurden. Hier sind es nicht zuletzt die (Wieder-)Entdeckungen absolut regionaler Sorten, was sich auch in der Namensgebung zeigt: Schöner aus Gebenhofen, Hügelsharter Gravensteiner oder Pfaffenhofer Schmelzling. Diese Sorten sind wohl exklusiv für die hiesigen Landkreise. Anders verhält es sich bei Sorten wie dem Schönen aus Wiltshire, der zwar als Tafelapfel aus England eingeführt wurde, hier aber definitiv seine zweite Heimat fand. Des Weiteren haben sich sehr spezielle Namensgebungen wiedergefunden, die fest in der Geschichte der Region verhaftet sind. Für die allgemein unter dem Namen Wasserbirne bekannte Ausführung gibt es im Wittelsbacher Land den schönen Namen Guggalerer – wohl eine Anspielung darauf, sie sei ein guter Lehrer. Andere behaupten, es habe einen Lehrer Gugger gegeben, der wie auch immer eng mit dieser Frucht in Verbindung gebracht wurde.

Dipl.-Ing. agr. (FH) Hans-Thomas Bosch vom Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee (KOB), der die Landkreise um Augsburg bei der Erfassung, Kartierung und Katalogisierung der Streuobstbestände unterstützt, ist ein Verfechter der Verjüngung. Gerade im Bereich der landwirtschaftlichen Nutzung muss dies Teil der Bemühungen sein. Laut KOB benötigen Streuobstwiesen als Bestandteil der Kulturlandschaft eine dauerhafte fachgerechte Pflege. Viele Streuobstwiesen werden nicht oder nur kurz gepflegt, ein ökologisch hochwertiger Bestand kann sich nicht entwickeln. Bereits bei der agrarpolitischen Planung und Refinanzierung müsste die dauerhafte Pflege berücksichtigt werden. Neben der Neuanlage von Streuobst besteht die Möglichkeit, auch die Verjüngung als Ausgleichsmaßnahme anrechnen zu lassen. Hierzu zählen insbesondere Maßnahmen zur Wiedernutzung eines nicht mehr bewirtschafteten Bereichs, die Schließung von Lücken und der Verjüngungsschnitt vergreister Bäume als mehrjährige Maßnahme bis zur Stabilisierung des Wachstums.

Da im konventionellen Obstanbau letztendlich nur noch zehn bis zwölf Apfelsorten eine maßgebliche Rolle spielen, da hier vorrangig die Optik – ein »schöner« Apfel sollte glänzen und möglichst rotbackig sein, außerdem gewisse Normgrößen nicht verlassen – und nur nachrangig der Geschmack zählt, ist es leider nach wie vor schwer, das Streuobst kommerziell zu vermarkten. Dazu kommt, dass die Erntebedingungen um ein Vielfaches aufwendiger sind und damit natürlich der Preiskampf gegen Plantagenäpfel nicht zu gewinnen ist. Letztendlich entscheidet also, wie so oft, auch hier der Verbraucher wieder über den Erfolg, Streuobstwiesen für die Landwirtschaft wieder attraktiv zu machen, indem er bereit ist, etwas mehr für sein Kilo Äpfel auszugeben und sich auch über den ein oder anderen Fleck auf der Schale als untrügliches Zeichen natürlichen Anbaus zu erfreuen.