Eine weitsichtige Entscheidung

Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard zur Bewerbung Augsburgs um die Aufnahme dessen historischer Wasserwirtschaft in die Liste des UNESCO-Welterbes.

Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard zur Bewerbung Augsburgs um die Aufnahme dessen historischer Wasserwirtschaft in die Liste des UNESCO-Welterbes.

Wer entscheidet, an was wir uns morgen erinnern werden? Zu UNESCO-Programmen des Welterbes und des Gedächtnisses der Menschheit« hieß ein Vortrag, den Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Vorsitzender des Deutschen Nominierungskomitees für das UNESCO-Programm »Memory of the World«, auf Einladung des Jakob-Fugger­Zentrums der Universität Augsburg im Februar 2018 im Fugger und Welser Erlebnismuseum zur Bedeutung des UNESCO-Welterbes und des UNESCO-Weltdokumentenerbes hielt. Seine Rede befasste sich auch mit der Bewerbung Augsburgs um die Aufnahme dessen historischer Wasserwirtschaft in die Liste des UNESCO-Welterbes – und mit der Bedeutung von Erinnerungskultur. Für a3regional verfasste er daraus diesen Gastbeitrag.
Im Vorfeld eines solchen Vortrags beschäftigt man sich mit den Planungen und der wohl im Jahre 2019 seitens der UNESCO anstehenden Entscheidungen zur Anmeldung der Augsburger Wasserwirtschaft und Wasserkunst und macht sich dazu einige Gedanken: über die Stadt und ihre Wasserwirtschaft und Wasserkunst, die Augsburg der für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation zuständigen Weltorganisation zum Eintrag in die Welterbeliste vorgelegt hat.

Nun wissen viele Menschen, Einheimische und Besucher Augsburgs, dass die in ihrer Gründung auf römische Zeiten zurückgehende Stadt von gleich zwei Flüssen, nämlich Lech und Wertach, durchzogen ist. Sie wissen auch, dass diese Stadt schon vor, besonders aber in der Zeit der Fugger als Reichsstadt und Bürgerstadt eine intensive Entwicklung nahm – als ein Ort von regem Handel und Gewerbe. Dass Augsburg um die Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem auch für die damalige Verbreitung von Wissen und Kommunikation wichtigen Zentrum wurde, zeigen zum Beispiel die Arbeiten von Jodocus Pflanzmann und Anton Sorg, die in ihren Werkstätten wenig später als Johannes Gutenberg in Mainz die für die gesamte Entwicklung in Europa grundlegende Technik des Drucks mit beweglichen Lettern einsetzten. Beide sorgten so ihrerseits für die Vermittlung von Wissen und damit für Innovation, die weit über die Stadtgrenze hinaus wirkte. Auch ist vielen bewusst, dass sich die Stadt nach und nach, zuerst in der Manufaktur des 17. Jahrhunderts und dann in der Industrialisierung ab dem 19. Jahrhundert, zu einem Produktions- und Handelszentrum von beachtlicher Wirtschaftskraft weiterentwickelte. Sein Wohlstand fand bereits früh Ausdruck in den Werken von Architektur und Kunst sowie in Gebäuden und Monumenten des Mittelalters, der Renaissance und des Barocks – diese prägen ungeachtet der im Zweiten Weltkrieg erlittenen Schäden bis heute das Stadtbild, das sowohl die Bürgerschaft in der Stadt als auch Besucher von auswärts anspricht, ohne dass sie sich der Grundlagen bewusst sein mögen, die dafür über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte eine nicht unwesentliche Voraussetzung boten und bieten.

Das ging mir selbst so, als ich während meiner lange zurückliegenden Militärzeit im nahe gelegenen Landsberg am Lech und im etwas entfernteren Kaufbeuren – an der gleichfalls Augsburg durchfließenden Wertach gelegen – stationiert war und des Öfteren zu Theaterbesuchen, Ausstellungen und Ähnlichem nach Augsburg fuhr, und seit wenigen Jahren, da ich als Mitglied des Universitätsrates der sich seit den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts gut entwickelnden Reformuniversität Augsburg regelmäßig in die Stadt komme. Lech und Wertach waren mir aus Landsberg und Kaufbeuren vertraut. Auch dass sie Augsburg durchfließen, war mir bekannt – nicht aber, dass ein dritter Fluss, die Singold, eigenständig bis Göggingen fließt, um dann dort in den Fabrikkanal, einen künstlich geschaffenen Nebenarm der Wertach, zu münden. Und erst spät entdeckte ich wie sicher nicht wenige auswärtige Besucher ein weit verzweigtes System einzelner Wasserläufe und Bäche, die – künstlich angelegt – die Stadt durchzogen und an markanten Stellen sichtbar wurden, an denen die Kraft des Wassers auch buchstäblich Antrieb für Maschinen schuf und im übertragenen Sinne der Produktion und dem Gewerbe zu Energie und Entwicklung verhalf.

Es war daher eine bemerkenswert weitsichtige Entscheidung der Stadt und der sie bei den Planungen unterstützenden Universität, nicht etwa »nur« Monumente in ihrem Stadtbild ihrem Antrag auf Aufnahme in die UNESCO-Liste des Welterbes zugrunde zu legen, sondern sich auf die Grundlagen selbst zu besinnen und zu beziehen, die eben diese Stadt, das Leben ihrer Bürger sowie die urbane und wirtschaftliche Entwicklung über Jahrhunderte maßgeblich bestimmt haben. Wasser und Wasserkraft, Wasserwirtschaft und Wasserkunst verbinden sich auf diese Weise zu einer besonderen Einheit, die in der Diversität von geologisch-geografischen Voraussetzungen, Energiestiftung, ökonomischer Verwertung und – auf der Basis von Entwicklung und Wohlstand – auch der künstlerischen Auseinandersetzung von Bildhauern mit dem Lebenselement Wasser als Wasserkunst in Skulpturen wirkt. Die Grundlagen in den Vordergrund zu rücken, ist daher nicht unähnlich den Anmeldungen anderer Stätten des Welterbes, wenn es bei diesen wie beispielsweise bei Klöstern, Tempelanlagen oder historischen Siedlungen nicht vordergründig um deren materiell-architektonische Ausformung ging und geht, sondern um ihren geistig-originellen Ausgangspunkt.

Auffällig ist in gewisser Weise, dass sich die Menschen rund um den Globus immer intensiver mit der Überlieferung ihrer jeweiligen eigenen kulturellen Vergangenheit, aber auch ihrer noch in die Gegenwart hineinragenden Traditionen beschäftigen, als ob gleichsam morgen alles vergessen oder verdrängt oder vernichtet sein könnte.

Wasser als ein wesentlicher Ausgangspunkt nicht nur der wirtschaftlich-urbanen Entwicklung einer Stadt, sondern als existenzielles Element überhaupt in den Mittelpunkt zu stellen, heißt auch, in der Gegenwart den Blick auf die Bedeutung im überregional-internationalen Rahmen zu lenken. Wasser gilt schon von alters her als etwas »Belebendes«, was ja auch Heraklit in seinem Diktum »Panta rhei – alles fließt«  zum Ausdruck brachte. Sich mit dem Wasser und seiner Wirkungskraft für urbane Entwicklung im Rahmen einer Anmeldung für die »Wasserwirtschaft und Wasserkunst in Augsburg« zu beschäftigen und diesen

Antrag auch mit grundlegenden Forschungen vor Ort in zwei ausgezeichneten, weil auch reich illustrierten Bänden zusammenzufassen, um den Status einer Welterbestadt zu erlangen, ist dabei das primäre Ziel. Zugleich aber mag die Beschäftigung mit diesem keineswegs »nur« hydrologisch-ökonomisch-historischen und kunst- und architekturhistorischen Thema die Sicht weiten auf Themen wie Wasserknappheit oder reines Wasser als Problem der Grundversorgung in anderen – und leider nicht wenigen – Teilen dieser Welt und damit auf Themen, mit denen sich die UNESCO, aber auch andere Einrichtungen der Weltgemeinschaft beschäftigen: zur Völkerverständigung und Friedensstiftung in dieser einen Welt.

Die Frage, wozu man Geschichte brauche und was das Gedächtnis tauge, gerät in den Blick, wenn man an UNESCO-Programme wie das Programm »Weltkulturerbe«, das Programm »Memory of the World« als Gedächtnis der Menschheit und an das neue Programm »Intangible Heritage«, in dem Bräuche und Sitten, kurz: immaterielle Kulturwerte und -güter, erfasst werden, denkt. Dies gilt schon deshalb, weil es sich bei beiden erstgenannten Überlieferungsformen und -inhalten  um Gegenstände handelt, die von Menschen geschaffen wurden – im Gegensatz etwa zu den gleichfalls von der UNESCO besonders hervorgehobenen Plätzen des Weltnaturerbes, das eben nicht das Erbe der Menschheit, sondern das Archiv der Erde widerspiegelt. Zu Letzterem zählen die Wasserfälle in Iguazu in Brasilien und in Deutschland die Fossilienfunde in der Grube Messe in Südhessen sowie das Wattenmeer mit seiner Vielfalt an Fauna und Flora.

Auffällig ist in gewisser Weise, dass sich die Menschen rund um den Globus, zumal als global village, immer intensiver mit der Überlieferung ihrer jeweiligen eigenen kulturellen Vergangenheit, aber auch ihrer noch in die Gegenwart hineinragenden Traditionen beschäftigen, als ob gleichsam morgen alles vergessen oder verdrängt oder vernichtet sein könnte. Bezeichnend für diesen Prozess ist auch, dass ein neues Programm der UNESCO sich des immateriellen Erbes annimmt, was in Kulturen, die, wie in Afrika, noch heute vehement Erzähltraditionen aufweisen, von besonderer Bedeutung ist. Auch darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass sich viele Erbestätten und Dokumente wie Handschriften und Drucke vom Bemühen der Menschen herleiten lassen, religiöse oder sakrale Inhalte und Motive zu vermitteln und damit andere an dem teilhaben zu lassen, was sie selbst berührt oder was sie selbst empfinden: das Suchen nach der Auflösung der Fragen nach den letzten und eigentlichen Dingen unseres Lebens, unseres Seins. Dies gilt für eine mittelalterliche kirchlich-monastische Tradition wie die Klöster auf der Reichenau, Lorsch an der Bergstraße oder in Maulbronn als Orte des Welterbes ebenso wie für eine ganze Region wie die Wachau, deren Traditionen christlicher Frömmigkeit, dargestellt in Architektur und Kunst, bis heute höchst lebendig sind. Es hat aber gleichfalls Gültigkeit für Moscheen im westafrikanischen Timbuktu wie für die Tempelanlagen im peruanischen  Machu Picchu oder von Angkor Wat in Kambodscha. Stets lag denen, die dergleichen errichteten, das Bemühen zugrunde, aus vielfach religiösen Motiven etwas für die Gegenwart zu schaffen und zugleich für die Zukunft zu überliefern.

Was nun die Relevanz für das Weltkulturerbe angeht, hat das exemplarische Prinzip bei der Auswahl hohe Priorität – und wird dies noch mehr als bisher erhalten: Zu sehr ist die Liste der Welterbestätten eurozentrisch geprägt, zu viele gleichförmige Altstädte aus Europa finden sich auf der Liste; und zu wenige Plätze aus den Entwicklungsländern, die ja ihrerseits – auch – auf langen, aber in Europa zuweilen eher unbekannten kulturgeschichtlichen Traditionen aufbauen, sind im Vergleich zu den europäischen Nominationen  aufgenommen worden. Nicht Redundanz, sondern Relevanz und vor allem Repräsentanz des Welterbes in der Weltgemeinschaft ist also gefragt.

Was die Entwicklung des Weltkulturerbe-Programms angeht, so kann diese auf eine stolze Geschichte zurückblicken: Insgesamt sind derzeit 1.073 Stätten, davon 832 Kultur- und 206 Naturstätten und 35 gemischte Stätten, in 167 Ländern in dieser Liste verzeichnet, durchaus eurozentriert, doch in jeder Hinsicht vielfältig.