Freude am Hof

Die Kulturlandschaft zwischen Miedering und Frechholzhausen im Herbst. Fruchtwechsel Teil 2: Eine Langzeitdokumentation von Jürgen Kannler

Der Übergang vom Sommer in den Herbst vollzog sich in diesem Jahr schleichend. Noch Anfang November schickte der Altweibersommer seine silbernen Fäden übers Land. Nun sind die Felder zum größten Teil abgeerntet. Nur Mais muss noch geschnitten werden. Es pressiert. Die gewaltigen Ernteverbände bewegen sich im gleißenden Licht ihrer Scheinwerferbatterien durch die Dämmerung. In breiten Streifen nimmt die Schneidemaschine die Pflanzen vom Feld, jagt sie durch einen Schnitzler und spuckt die Masse auf den Anhänger des Zuggeräts. Der Koloss fasst um die 40 Kubikmeter. Mais, der hier geerntet wird, ist nicht für die Nahrungskette bestimmt, aus ihm soll Biogas werden. Die Anlagen dazu stehen auf dem Lechfeld.

Auf unserem Fruchtwechselgebiet wird wenig Mais angebaut. Die Landschaft ist hügelig und waldreich. Für gewaltige Felder mit Monokulturen ist die Gegend nicht geschaffen. Landwirtschaft ist hier keine Industrie, sie ist kleinteilig, noch weitgehend in Familienhand, nicht selten im Nebenerwerb. Dementsprechend vielseitig werden die Felder genutzt, Vermarktungsnischen gesucht und neue Wege gegangen. Manche Bauern setzen auf bio, andere spielen mit dem Gedanken, umzusteigen, und wieder andere halten es mit den herkömmlichen Techniken. Man kennt sich, manche mögen sich, einige arbeiten auch zusammen. Einige Bauern haben Unsummen in die Anschaffung modernster Erntetechnik investiert. Nun bieten sie ihre Maschinen und ihr Fachwissen als Maschinenführer den Nachbarn an. Andere versuchen es mit Hofvermarktung und haben Erfolg mit einem 24-Stunden-Service. In kleinen Hütten werden frische Eier direkt aus der Bodenhaltung für 25 Cent das Stück angeboten oder Frischmilch sprudelt für 1 Euro pro Liter aus der Zapfanlage.

Walter Hollmann betreibt keinen Hofladen. Er ist Biobauer. Diesen Weg ging er hier als einer der Ersten und 20 Jahre allein. Er begeisterte sich für diese Idee in den frühen Neunzigerjahren. Bei der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB), in der auch er Mitglied war, vollzog sich damals eine stille Revolution von Schwanz auf Grün, wie er sagt. Zur Erinnerung: Der letzte CSU-Politiker, der aus diesem Verband hervorging, war Alois Glück, Jahrgang 1940. Obwohl Hollmann damals an der TU in München Maschinenbau studierte und dem Beruf auch einige Jahre als Ingenieur nachging, war für ihn klar, dass er bei Übernahme des Hofes auf bio umstellen würde.

Seit den 1920er-Jahren gehört das Voitbauer-Anwesen in Miedering der Familie. Eine frühe urkundliche Erwähnung datiert aus dem Jahr 1880. Doch das Anwesen ist deutlich älter. So verweist das Kreuzgewölbe im ehemaligen Eingangsbereich seines Wohnhauses auf eine Bauzeit im späten 17. Jahrhundert.

Sein Vater ebnete Walter Hollmann für den Einstieg in die Biolandwirtschaft einige Wege. Trotzdem vollzog sich der Generationswechsel auch hier nicht ohne Spannungen, wie so oft, wenn der Papierwert eines Objekts nicht mit den zu erlösenden Jahreserträgen in Bezug gesetzt werden kann.

Heute lebt der Hof von der Tierzucht und dem Ackerbau. Hollmann erntet auf gut neun Hektar Wiesen das Futter für seine Rinder, die er ebenso wie die Schweine auf Basis der Kriterien des Verbands Naturland aufzieht, um sie bei der Metzgerei Kaindl in Friedberg schlachten und vermarken zu lassen. Die Tiere leben in ihren Ställen gleich beim Wohnhaus. Besonders die Schweine, für die er dort 150 Mastplätze vorhält, machen einen aufgeweckten Eindruck. Sie haben fast viermal so viel Platz, wie der Gesetzgeber mindestens verlangt, und springen zwischen dem Stall und der zum Teil überdachten Freianlage hin und her, wobei der Stallplatz etwas höher liegt und den Tieren somit eine trockene und saubere Rückzugsmöglichkeit bietet. Die Tränke liegt am tiefsten Punkt der Anlage, denn Schweine, so erklärt der Bauer, verrichten ihr Geschäft immer dort, wo sie auch ihr Wasser haben.

Rinder kennen diese feine Unterscheidung nicht. Sie lassen ihre Fladen auch dort fallen, wo sie von Hollmann gefüttert werden. Ihm bereitet zurzeit eine neue Verordnung seines Naturland-Verbandes etwas Kopfzerbrechen, die, sollte sie in Kraft treten, mehr Auslauffläche pro Tier von ihm fordern würde. Platz, den er auf seinem Hof nicht hat. Ein Umzug mit den Rindern auf das freie Feld kommt gegenwärtig nicht infrage.

Platz für einen Neuanfang wäre da, theoretisch. Zum Hof gehören rund 30 Hektar Bauernland. Die Hälfte davon bewirtschaftet Hollmann im Ackerbau. Ein Drittel in den Hügeln, der größere Rest auf dem Lechfeld. Hollmann erzählt von dem guten Moorboden, der nur alle paar Jahre etwas Kali braucht, um gute Erträge zu bringen. Dort gedeihen so manche Exoten, wie auch die Kollegen in der Nachbarschaft nicht ohne Respekt bemerken. Dinkel zum Beispiel, den er an die im Allgäu stark vertretenen Märke der Brüder Feneberg verkauft. Ihre lokale Philosophie erlaubt lokale Lebensmittel im Einzugsbereich von bis zu 100 Kilometern. Eine Vorgabe, die Hollmann gerade noch erfüllt. Aus Hanfstauden lässt er für die Kosmetikherstellung ein begehrtes Öl pressen, von dem ein Teil wiederum in den Feneberg-
Märkten landet. Das Sonnenblumenöl lässt er in der Kappelbauer Ölmühle in Maingründel pressen. Der Buchweizen kommt zum Schälen in die Oberpfalz.

Dieses Produkt verweist auf seine Verbindung zu Osteuropa. Frau Hollmann ist Lehrerin und wurde in der Ukraine geboren. Seit 15 Jahren beschäftigt der Bauer Praktikanten aus dem Osten Europas, die von ihm die Arbeit des Biobauern lernen. Im Gegenzug wurde der Experte schon in zahlreiche russische Städte zu Vorträgen geladen. Eine Aufgabe, der er gerne nachkommt. Kann er sich heute ein Leben ohne seine Landwirtschaft vorstellen? »Das Leben ist ein Kompromiss«, philosophiert Hollmann beim Nachmittagskaffee, und fügt hinzu: »Man muss nichts übertreiben.«

Im Herbst steht auf seinen Feldern vereinzelt noch Wintergerste oder die Weizen-Roggen-Kreuzung Triticale, für Hollmanns Viehzucht wertvolle Futterstoffe. Diese Saaten kommen erst im Frühsommer zur Ernte. Dem Anbau von Mais und anderen Futterpflanzen zur Energiegewinnung steht er kritisch gegenüber. Der gelernte Ingenieur rechnet vor, wie sich der Nahrungsbedarf in Deutschland ohne diese Verschwendung in Bioqualität an Ressourcen decken ließe. Er selbst hat sich bei der Energiegewinnung für Holzschnipsel entschieden. Die kosten den Waldbesitzer 20 Euro pro Kubikmeter, bei einer Energieleistung vergleichbar der von 100 Liter Öl. Den Wirkungsgrad bemisst er mit 20 Prozent und damit viermal so hoch wie beim Biogas.

Walter Hollmann liebt sein Leben und er liebt seine Berufe. Er ist Traktorist, Manager, Gärtner, Tierpfleger, Zimmermann, und er kann noch einiges mehr. Genauso wie sein Kollege aus Frechholzhausen Kaspar Schmaus.

Der Hof von Kaspar Schmaus ist seit 1883 in Familienbesitz. 1948 wurde neu gebaut. Er hat eine große Familie, allein fünf Töchter und einige Enkel. Sie alle leben samt Oma auf dem Hofgelände. Zum Wald hin liegen Felder und Gewächshäuser für das Gemüse. Karotten, Tomaten, Paprika, Krautköpfe, Blattsalate, Lauch, Kürbis, u.v.m.. Es wird wöchentlich geerntet und noch am selben Tag mit Bulldog und Anhänger direkt an die Kunden in Augsburg verkauft. Viele davon sind Stammkunden, die schon die Mama in 50 Jahren Dienstzeit belieferte. »Jeder sieht doch, ob ein Salat älter als einen Tag ist. Und meine Kunden mögen es frisch.« An Verkaufstagen steht der Landwirt besonders früh auf. An normalen Tagen erst um 5:30 Uhr. Zwei Stunden Stallarbeit jeden Tag vor dem Frühstück. Er hält 300 Schweine und 70 Rinder, dazu Enten und Gänse und einen riesigen, verspielten Hofhund. Wie Walter Hollmann verkauft er die Tiere an die Metzgerei Kaindl. Daneben bewirtschaftet er 23 Hektar Wald, 52 Hektar eigenes Ackerland plus zugepachtete Felder und fährt mit seinem modernen Maschinenpark gelegentlich noch die Ernte für den ein oder anderen Nachbarn ein. Mit seiner Frau und mithilfe der Schwester und der Töchter bewirtschaftet er den Hof weitgehend allein.

Es ist schon einige Generationen her, da gab es auf den Höfen Arbeit für viele Helfer. Doch schon der Großvater setzte auf Maschinen. Davor war der Bauer kein Arbeiter. Am Morgen verteilte er die Aufgaben und ging dann, wenn er Lust dazu hatte, ins Wirtshaus. Einige gingen diesen Weg zu gern, erzählt Schmaus. »So einen Hof zu bewirtschaften heißt fünf lange Tage in der Woche arbeiten, der Rest läuft unter Hobby.«

Seine Töchter haben alle einen Beruf gelernt. Nicht beim Vater, obwohl er mit seinem Meisterdiplom ausbilden darf. Sie wurden Lehrerin, gingen zum Finanzamt und ins Handwerk, in die Verwaltung oder lernten Industriekauffrau. Den Hof übernehmen könnten sie alle. Aber Schmaus ist Jahrgang 1961 und die Sache hat noch Zeit. Die meisten seiner Nachbarn hat er als Bauer in Frechholzhausen überlebt. Früher einmal waren es sechs Höfe im Ort. Nun gibt es noch ihn auf dem alten »Baurhof« und zwei Nachbarn im Nebenerwerb.

Kaspar Schmaus hält viel von neuen, oft recht kostspieligen Technologien. Allein die Spritzanlage, mit der er gegen Unkraut angeht, schlug mit über 100.000 Euro zu Buche. Dafür spart er sich mit dieser satellitengesteuerten Technik Zeit und Geld. So konnte er den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln um gute 10 Prozent reduzieren. Die Biolandwirtschaft ist für ihn kein wirkliches Thema. Doch Diskussionen wie die um die Zulassung von Glyphosat machen ihn fuchsig. Er sieht den Vorteil beim Einsatz dieses Produkts allein bei der Industrie, die damit ihre Gewinne maximiert, und versteht Kollegen aus der Region nicht, die dieses Mittel verwenden.

Aus einem guten Teil seiner Ackererträge wird Futter für die eigenen Tiere. Weizen liefert er an die Bennomühle in Friedberg. Er nutzt die gezahlten Zuschüsse beim Anbau von großkernigen Hülsenfrüchten und baut Tritical an. Das Stroh dieses Getreides verbleibt über den Winter auf den Feldern und verhindert bei Starkregen die Erosion des Bodens. Wintergerste und Weizen sind längst ausgesät und aufgegangen. Im nächsten Sommer wird sich zeigen, ob der Ertrag die Mühen lohnt.

Der späte Herbst und vor allem der Winter ist die Zeit zum Holzmachen. Der Wald braucht viel Zuwendung und der Borkenkäfer ist immer eine Gefahr. Zurzeit geht es darum, Christbäume und Tannenreisig für den Verkauf auf dem Hof zu schneiden. Blautannen, Nordmanntannen und Fichten hat Schmaus dieses Jahr im Angebot. Sie kommen natürlich von der eigenen Schonung, die alleine 15.000 Quadratmeter misst. Damit die Bäume bis weit über die Feiertage ihre Frische behalten, ist auch hier die langjährige Erfahrung von Schmaus notwendig. Lagert man zu viele Bäume zu lange aufeinandergeschichtet, erwärmt sich der Kern und der Baum verliert zu schnell seine Nadeln. Hat man zu wenige Bäume auf dem Hof, geht mancher Kunde leer aus. Beides geschieht bei Kaspar Schmaus eher selten. Er kennt seine Kunden, Mund-zu-Mund-Propaganda ist seine beste Werbung.

Bei einem Pachtpreis von bis zu 1.000 Euro pro Hektar Ackerland in dieser Region könnte die Familie eigentlich bequem vom Verpachten der weiten, eigenen Flächen leben und nur noch Bauernhof spielen. Doch Kaspar Schmaus verzieht bei dem Gedanken sein Gesicht. Er hat Freude an seinem Hof, auch wenn er jeden Tag aufs Neue sehr viel Arbeit für alle bedeutet.