Fruchtwechsel (Teil 4)

Die Kulturlandschaft zwischen Miedering und Frechholzhausen im Frühsommer. Eine Langzeitdokumentation von Jürgen Kannler

21. Juni. Sommersonnenwende. Der längste Tag des Jahres. Bis zum Mittag war der Himmel klar, später wurde es schwül. Ich starte meine Runde in den frühen Abendstunden, wie meist von Miedering aus. Heute soll es nach einer längeren Pause wieder einmal die lange Strecke werden. Rund zehn Kilometer über Frechholzhausen und Berg zurück zum Ausgangspunkt. Für unsere Reihe »Fruchtwechsel« dokumentiere ich die Veränderungen dieser Gegend im Zeitraum von achtzehn Monaten. Ich spreche mit den Familien, die mit ihrer Landwirtschaft das Gesicht dieser kleinteiligen Kulturlandschaft prägen. Ich erfahre, wie das geerntete Getreide, der Mais, die Kartoffeln und das Gemüse vermarktet werden, welchen Metzgern sie ihre Rinder und Schweine zur Schlachtung anvertrauen, was der Waldbauer von der Holzindustrie hält und der Landbesitzer von den Bauverordnungen des Landratsamts. Außerdem noch einige andere Dinge, die nicht unbedingt veröffentlicht werden müssen.

Von der Lechebene aus zieht sich mein Weg erst durch einen Hohlweg, vorbei an der Sandgrube, die in den letzten Monaten einen Modernisierungsschub erlebt hat. Schranke, Lkw-Waage, geteerter Durchfahrtsweg. Ein Stück Montanindustrie an der Lechleite, dem Steilufer des vor seiner brutalen Zähmung so großartigen Gebirgsflusses. Was geschieht mit dem Gelände, wenn die letzte Wagenladung Sand abtransportiert wurde? Ein Thema für eine der nächsten Folgen unserer Reihe.

Nach der steilen Abbruchkante der Grube, vor der etwas verschämt mit einigen Schildern gewarnt wird, öffnet sich der Weg zum Wald hin. Beim Heu der Futterwiesen steht in diesem Jahr schon der dritte Schnitt an. Die Gerste wurde an vielen Feldern bereits geerntet. Auch Roggen, Weizen und Hafer entwickelten sich bisher recht gut. Der Mais steht in der Ebene mannshoch und das Kartoffelkraut in voller Blüte. Die ersten frühen Sorten wurden für den Spargel aus der Nachbarschaft schon vor einigen Wochen aus dem Boden geholt. Dem langen Winter zum Trotz, der das Ausbringen der Saat vom Märzbeginn immer weiter in Richtung April schob.

Reste des trockenen Heus und Strohs auf den abgeernteten Feldern verbinden sich mit dem Staub über dem aufgeheizten Weg zu einem Stoff, der leicht bitter schmeckt, wenn er sich auf die Schleimhäute legt, den Schweiß auf der Stirn und im Nacken bindet und in seiner Art und Intensität immer auch etwas Wehmut hervorruft. An den Rändern der Felder wachsen Kamille, die falsche wie die echte, die Krause Distel, vereinzelt blitzt das Blau einer Kornblume durch. Die Fruchtkapseln der Mohnblumen sind prall und ihre Hülle ist porös wie die des Rapses, der wohl bald eingeholt wird.

»Wie offene Wunden ziehen sich vom Weg aus tiefe Schneisen in den Wald. Sie wurden von gewaltigen Holzvollerntemaschinen gerissen, die auch unter dem Namen Harvester bekannt sind.«

Der nahe Wald bringt Abkühlung und fingerdicke Pferdebremsen. Die Biester landen geschickt. Sie beißen, saugen ihren Anteil aus einem heraus und verschwinden oft, noch bevor ihre Tat wirklich bemerkt wurde. Später schwillt die Futterstelle an. Das Sekret, mit dem sie die Stelle für ihren Biss narkotisiert haben, sorgt nun dafür, dass es dort höllisch zu jucken beginnt. Doch Bremsen sind keine besonders schnellen Flieger. Wer das Tempo im Wald etwas anzieht, hat gute Chancen, ihren Attacken weitgehend zu entkommen.

Dieser Taktik kommt der frisch gerichtete Waldweg entgegen. Breit wurde eine fette Mischung aus Sand und kleinen Kieselsteinen aufgetragen. Der Belag bindet das Wasser gut und die Schritte schmatzen auf dem gelben Boden. Der Grund für die Arbeiten offenbart sich nach einigen Hundert Metern. Wie offene Wunden ziehen sich vom Weg aus tiefe Schneisen in den Wald. Sie wurden von gewaltigen Holzvollerntemaschinen gerissen, die auch unter dem Namen Harvester bekannt sind. In wenigen Minuten zerlegt so ein Monster einen 15 Meter hohen Baum mit 30 Zentimetern Stammdurchmesser in seine Einzelteile. Die gewaltigen Reifen laufen oft in Ketten und wühlen sich bei nachlassendem Frost tief in den Waldboden. Die Narben dieser Einsätze sind über Jahre hinweg zu sehen. Wirklich erholt hat sich der Boden an diesen Einsatzgebieten erst nach 10 bis 15 Jahren, wissen erfahrene Pilzsammler.

Ähnliche Verheerungen erfahren auch die Waldwege. Deshalb fordern die zuständigen Forstämter vom Waldbesitzer nach der Harvesterdurchquerung die Wiederherstellung der Wirtschaftswege, nicht zuletzt, um die reibungslose Bewirtschaftung der Monokulturpflanzungen in den Wäldern zu gewährleisten.

»Der Dill steht in voller Blüte und sein betörender Duft hängt schwer über der kleinen Landstraße.«

Mit der Durchquerung des Waldes ist die Hochebene der Lechleite erreicht. Rund 200 Höhenmeter liegen zwischen meinem Startpunkt in Miedering und der Halbzeitetappe Frechholzhausen. Diese Differenz hat auch für die Entwicklung der Nutzpflanzen Folgen. Der Mais steht hier deutlich niedriger und auch das Kartoffelkraut steht noch nicht in solcher Blüte wie auf den Feldern vor dem stetig ansteigenden Waldstück.
Den Bauerngärten im Ort scheint die Lage nichts auszumachen. Sie bieten Ende Juni einen prächtigen Anblick, mit ihren Gemüsereihen und Blumenrabatten. Auch die Gemüsefelder der Familie Schmaus sind bestens bestückt. Der Dill steht in voller Blüte und sein betörender Duft hängt schwer über der kleinen Landstraße, die durch den Ort führt. Blattsalate und Zucchini sind reif, die jüngste Generation der Familie zupft Erbsen zum sofortigen Verzehr. Dabei haben es die jungen Feinschmecker nur auf die noch winzigen Früchte im Inneren der Schote abgesehen. Den feinen Mantel, als Ganzes zu Höchstpreisen als Zuckerschote gehandelt und in der feinen Küche auf den Teller gezählt, verschmähen die Gourmets.

In den Gewächshäusern hinter den Wirtschaftsgebäuden gedeihen derweil Tomaten, Paprika und andere Köstlichkeiten. Auf dem Hof gehen vier Generationen ihrer Beschäftigung nach. Der Kirschbaum seitlich der Ställe ächzt unter der Last seiner köstlichen Früchte. Der Bauer lädt mich samt meinen Kindern zur Kirschernte ein. Nur schnell verarbeiten müssen wir die Beute, weil die unbehandelten Früchte, erst einmal gepflückt, nicht allzu lange den Biss behalten und »lätschert« werden, wie der Schmaus sagt. Den Duft des Dills noch in der Nase vor mich hin sinnierend verpasse ich zum ersten Mal, seit ich diesen Weg laufe, die Abzweigung durch den Wald nach Berg. Der Umweg ist eine Chance, Neuland kennenzulernen. Doch auch auf diesen Wegen verweist der neue Belag auf die Arbeit der Holzerntemaschinen im letzten Winter.

Ich weiß in dieser Gegend Plätze, an denen mindestens neun verschiedene für den menschlichen Verzehr bestens geeignete wilde Obst- und Beerensorten gedeihen. Allesamt köstlich und leicht zu pflücken. Meine Eltern sammeln die jungen Spitzen der Fischten und mischen daraus einen wirksamen Sirup gegen Husten. In guten Jahren kann man in einer Stunde einen großen Korb Walnüsse vom Baum holden. Für dieselbe Menge Haselnüsse braucht es etwas länger. Gut zwanzig verschiedene genießbare Pilzarten habe ich in diesen Wäldern gefunden. Darunter wahre Prachtstücke an Morcheln, Steinpilzen und Krauser Glucke. Ich beschließe, mich in den kommenden Jahren stärker dem Thema Kräuter zu widmen, und trabe etwas versonnen aus dem Wald.

Die letzten Kilometer führen über staubige Pisten zurück. Die Sonne ist fast schon weg, doch das Licht ist noch da, und mit ihm die Schmetterlinge. In aufgeregten Flugschulen von bis zu zwanzig Tieren flattern sie durch die Landschaft und begleiten mich auf meinem Weg. Das Lexikon weist sie als Zitronenfalter, Kleinen Kohlweißling, Tagpfauenauge und Kleinen Fuchs aus. So eskortiert verblassen Staub und Trockenheit. Das ist nicht die schlechteste Art, den längsten Tag des Jahres ausklingen zu lassen.