Hannes und die Streuobstwiese

Unterwegs mit »Obstbaumfriseur« Hannes Gröninger. Eine Spurensuche von Severin Werner

»Man könnte das, was ich mache, mit einem Friseurberuf vergleichen. Ich verpasse den Bäumen einen neuen Schnitt, bloß dass meine Arbeit im Gegenteil zum Friseur genau dann gut ist, wenn niemandem auffällt, dass ich denen eine neue Frisur verpasst hab.« So fasst Hannes Gröninger humorvoll seinen Beruf als Streuobstwiesen-Gärtner zusammen. Angefangen hat das Ganze bei ihm mit Christbäumen. Als der Verkauf einer alten Gärtnerei in Neusäß scheiterte, und sich die Stadt nicht dazu bereit erklärte, das Grundstück zu kaufen, übernahm der gelernte Medizintechniker den alten Betrieb. Ohne viel gärtnerische Expertise pflanzte er Christbäume an, die zehn Jahre brauchen würden, um schlachtreif zu sein, was in seinem Fall genau die Zeitspanne war, um ins Rentenalter einzutreten.

Vom Christbaum zum Streuobst

Doch einfach so eine Christbaum-Gärtnerei zu betreiben, klappte leider nicht. Deshalb ging es nochmal auf die Berufsschule, um das Gärtnerhandwerk richtig zu lernen, zuerst zusammen mit jungen Baumschülern und später in Klassen mit alteingesessenen Obstbauern. Was ihm hierbei begegnete, war die Absurdität des konventionellen Apfelanbaus. Mit satirischem Witz fasst er für mich das Vorgehen des konventionellen Anbaus zusammen: Auf großen Obstplantagen werden ausschließlich niederstämmige Bäume verwendet, weil diese aufgrund ihrer niedrigen Höhe leichter zu ernten sind. Äußere Kriterien bestimmen hier die Wahl der angebauten Sorten, denn um die höchste Güteklasse zu erreichen, ergo den besten Preis, muss der Apfel möglichst groß, schön rot und lange haltbar sein. Der Geschmack ist erstmal zweitrangig. Für den Konsumenten folgt dadurch eine Auswahl (wenn man das überhaupt noch so nennen darf) zwischen Äpfeln, die alle zu 80 Prozent aus einer Apfelsorte (Golden Delicious) stammen. Gleichzeitig ist der Golden-Delicious-Apfel eine der anfälligsten Sorten für Krankheiten wie Schorf, Obstbaumkrebs und Mehltau.

Hier fängt also der Rattenschwanz an, der sich so 1:1 auch auf andere konventionell-landwirtschaftliche Sektoren übertragen lässt, die mit Monokulturen arbeiten. Damit die Äste des Apfelbaums nicht zu viele Früchte tragen und abbrechen, werden im konventionellen Anbau die Wurzeln der Bäume beschnitten. Nur so kann gewährleisten werden, dass der Baum nicht zu stark wächst. Gegen die leichte Anfälligkeit für Krankheiten kommen prophylaktisch Antibiotika und Pflanzenschutzmitteln zum Einsatz, was bei einem Regentag bedeutet, dass einmal vor und einmal nach dem Regen gespritzt werden muss. Dazu kommen die Klassiker wie: Belastung der Böden durch Intensivnutzung, eingeschränkte Artenvielfalt, kurze Nutzungsdauer etc. Das ist bekannt, das ist Käse.

Konventioneller Obstanbau vs. Streuobstwiese

Aber was ist jetzt an Streuobstwiesen so viel besser? Das zeigt mir Hannes, als ich ihn zu einen seiner Kunden nach Meitingen begleiten darf. Auf einer etwa 350 m2großen Wiese stehen hier 88 verschiedene Apfelbäume, die 1989 vom Kern auf hochgezogen wurden. Der Streuobstwiesenbauer drückt mir einen Zettel in die Hand, auf dem sorgfältig aufgelistet, die verschiedensten Apfelsorten zu finden sind. Namen wie Kaiser Wilhelm, der Schöne von Nordhausen und Claps Liebling deuten auf Vielfalt und Regionalität hin und spiegeln gleichzeitig den Kerngedanken der Streuobstwiese wider. Eine Wiese gestreut mit den verschiedensten Obstsorten, frei im Wachstum, ökologisch in ihrer Funktion und Nutzung. Die Bäume, die hier auf der Wiese in Meitingen wachsen, konnten in den inzwischen 20 Jahren ihre Wurzeln so tief schlagen, dass sie immer ausreichend mit Wasser versorgt sind. Besonders mit Blick auf den Klimawandel sind diese Obstbäume weniger anfällig für die zunehmend heißeren und trockeneren Wetterlagen. Zusätzlich sind die älteren Apfelsorten einer Streuobstwiese, im Gegensatz zu den Hochleistungssorten, wesentlich resis­tenter gegen Krankheiten, da sie zu einer Zeit gezüchtet wurden, als es Pflanzenschutzmittel gar nicht oder nur eingeschränkt gab.

Chemie kommt hier also nicht zum Einsatz, die einzige Pflege die solch ein Obstbaum benötigt, ist ein professioneller Baumschnitt und auf den hat sich Hannes nach seiner Gärtnerausbildung spezialisiert. Wie ein jedes Handwerk erfüllt ihn seine Arbeit, wenn er sieht, dass er einen guten Job gemacht hat und die Bäume durch die Jahre stabil und gesund bleiben. Ganz so uneigennützig ist das Ganze dann auch wieder nicht, denn der Streuobstapfel schmeckt nämlich auch viel besser als der Supermarktapfel. Wie bei einer Weinverkostung flanieren Hannes, der Obstbauer und ich durch die Baumreihen und probieren an jedem Baum eine andere Apfel­sorte. Egal ob vom Boden oder direkt vom Baum, man kann hier ohne Bedenken in jeden Apfel beißen.

Der facettenreiche Geschmack dieser Apfel­sorten fasziniert mich und bald habe ich auch schon meinen Liebling gefunden, der Schöne von Nordhausen hat es mir angetan und so steck ich mir mit Erlaubnis noch zwei Stück ein.

Vom Streuobstapfel zum Saft

Ein paar Tage später bringt mich Hannes zur Staudenmosterei in Fischach, in welcher ein Großteil des Streuobstes der umliegenden Regionen ankommt. Die Mos­tereien erfüllen die wichtige Funktion, das Streuobst weiterzuverarbeiten, da sich die teilweise mit Würmern oder Hagelschäden gesegneten Äpfel nicht mehr zum Verzehr eignen, dafür aber ohne Probleme zu Saft gepresst werden können. In so einer Mosterei kann man die eigene Ernte abgegeben und erhält dafür seinen ganz eigenen Saft, der durch die Mischung der verschiedenen Apfelsorten immer eine einzigartige Geschmacksnote erhält.

Die Verarbeitungsschritte sind im Prinzip in jeder Mos­terei gleich. Das gesamte Obst wird in ein Wasser­becken geschmissen, gereinigt und zu einer Rätzmühle transportiert, die mit schnell rotierenden Klingen das Obst grob zerkleinert. Die Obstmasse wird dann zu einem Pfannkuchen platt gepresst, der durch mehrere Walzen fährt, um so möglichst viel Flüssigkeit aus dem Fruchtfleisch zu gewinnen. Falls man sich nur den Rohsaft wünscht, ist der Prozess hier bereits beendet. Oft gibt es aber auch die Möglichkeit, den Saft noch weiter zu filtern und zu pasteurisieren, um die Haltbarkeit des Apfelsafts zu verbessern.

Die Mostereien leisten somit einen großen Beitrag, das ökologische Potenzial der Streuobstwiesen vollkommen auszuschöpfen, denn egal wie optisch deformiert das angefallene Obst ist, beinahe der gesamte Ertrag kann verwertet werden und sogar der Trester (Pressrückstände) wird noch von Jägern und Imkern eingesammelt, um damit Rehe zu füttern und Bienenstöcke zu räuchern. Man könnte auch sagen, die Wertschöpfungskette ist nahe am Optimum. Auch Hannes arbeitet als Mitglied des Gartenbauvereins Neusäß in so einer Mos­terei. Jeden Samstag von 8 bis 10 Uhr wartet eine riesige Schlange auf dem Gelände der Wertstoffsammelstelle Neusäß. Es kann jeder vorbeikommen, der sich seinen Saft pressen lassen will, mit der Ausnahme, dass hier nicht pasteurisiert wird, was wiederum den Vorteil hat, dass man nach einiger Zeit einen prima Apfelmost hat. Oder man erhitzt den Rohsaft einfach zuhause.

Streuobstwiese - kulturelle und biologische Vielfalt die man erleben kann

Am Ende dieser kleinen Reise durch die Welt der Steuobstwiesen haben Hannes und ich immer wieder nach einer Quintessenz gesucht, die man den Leserinnen und Lesern mitgeben sollte. Letztlich bleibt wohl festzuhalten, dass die Streuobstwiese eine wichtige ökologische Funktion besitzt und als kulturell wertvolles Gut geschützt werden muss. Es gilt mehr Menschen von der Streuobstwiese zu erzählen, da die Sensibilität für Themen wie Ernährung, Nachhaltigkeit und regionale Vielfalt in der Bevölkerung bereits vorhanden ist. Das Schöne dabei ist, man kann diesen Wert am eigenen Leib erfahren, indem man einfach von Baum zu Baum geht und die Vielfalt schmeckt. Also erzählen Sie Freunden und Bekannten von der Streuobstwiese. Falls Sie einen großen Garten haben, pflanzen sie ein paar Obstbäume. Oder mein Tipp: Fahren Sie nach Langenneufnach, hier gibt es einen Streuobstwiesen-Erlebnispfad mit beschilderten Bäumen. Probieren ist erlaubt!
 

Weitere Informationen unter:

www.langenneufnach.de/index.php?p=streuobstweg

www.staudensaft.de