»Jede Pfütze ist besser als Chlorwasser«

Vor einem Jahr wurden in der Gemeinde Diedorf bei einer Routineuntersuchung coliforme Keime im Trinkwasser festgestellt. Seitdem wird das Wasser gechlort, auch im Ortsteil Anhausen. Rund 10.000 Menschen sind betroffen – und die Hühner von Peter Pfisterer.

Peter Pfisterer bewirtschaftet in Anhausen einen Hühnerhof. Die Geschichte seines Hofes »Stellenbauer« geht vermutlich zurück in das Jahr 1750. Vor fünf Jahren musste er sich entscheiden, ob er sich ganz und gar seinem Haupterwerb als Berufsschullehrer widmen wollte. Das wiederum hätte das Aus bedeutet für die Landwirtschaft auf seinem elterlichen Hof. Pfisterer nahm den Mittelweg. Trotz fehlender landwirtschaftlicher Ausbildung wollte er es sich nicht nehmen lassen, die lange Tradition des Hofes weiterzuführen, und hat kurzerhand seinen Wald verkauft und die Äcker verpachtet. Wo ehemals Pferde und Kutschen im Stall standen, befindet sich nun ein kleiner, feiner Hofladen. Wo früher Kühe auf der Weide grasten, tummeln sich jetzt 1.230 Hühner auf den Wiesen, die er selbst als Nebenerwerbslandwirt bewirtschaftet.

Diedorf war bekannt für die besonders gute Qualität seines Trinkwassers, das aus dem nahe gelegenen Wasserschutzgebiet aus ca. 80 Metern Tiefe ohne Aufbereitung direkt in das Trinkwassernetz eingespeist wurde. Nachdem bauliche Mängel an einem Hochbehälter als Ursache für die Verkeimung identifiziert wurden, konnte zwar mit den Sanierungsarbeiten begonnen werden, die Leitung des Staatlichen Gesundheitsamtes entschied sich aber für eine Sicherheitschlorung, um die Bürger vor Krankheiten zu schützen. Die geringe Dosierung sei für die Gesundheit völlig unbedenklich, hieß es.

Diedorf war bekannt für die besonders gute Qualität seines Trinkwassers

Das sieht Peter Pfisterer allerdings etwas anders. »Meine Frau reagierte umgehend mit gesundheitlichen Problemen und unsere Kinder mögen es nicht. Ich habe außerdem sofort bemerkt, dass die Hühner das Wasser nicht gut vertragen. Man sieht es schnell am Federkleid, wenn die Gesundheit der Hühner beeinträchtigt ist.« Ursache ist nach seiner Erfahrung, dass die Tiere dann zu wenig fressen oder zu wenig trinken. Und so vermutet er, dass die Hühner seit der Chlorzuführung nicht genug trinken. Er beschreibt, wie seine Tiere nach allen Regeln der Kunst versuchen, das gechlorte Wasser zu meiden. »Jede Pfütze ist denen lieber als das Chlorwasser.« Der Mangel zeige sich aber nicht nur an den Federn, auch die Qualität, die Größe und die Anzahl der Eier seien erheblich beeinträchtigt. »Seit der Chlorung des Trinkwassers verzeichne ich einen Rückgang von 20 Prozent«, stellt Pfis­terer fest.

Auch bei neuen Tieren bemerkt er eine Veränderung im Verhalten. Es dauert länger, bis sie beginnen Eier zu legen, was erhebliche finanzielle Einbußen mit sich bringt. »Wir sind immer noch im Aufbau«, betont Peter Pfis­terer, »das ist ein herber Rückschlag, und dieser Zustand ist existenzbedrohend«. Und da ist er auch schon beim nächsten Thema. Als Nebenerwerbslandwirt erhält er keinen Euro für Investitionen und den Ausbau der Hühnerfarm. »Die Größenordnung meines Betriebs kann viele subventionswürdige Kriterien nicht erfüllen.« Und auch diesen Verlust, der weder von ihm selbst verschuldet wurde noch mit höherer Gewalt zu tun hat, sondern mit ungenügender Wartung der Trinkwasseranlagen durch die Gemeinde, wird ihm keiner ersetzen. Aber Peter Pfisterer liegen seine Tiere sehr am Herzen, weshalb er nicht so schnell aufgibt und sogar schon in Erwägung gezogen hat, einen eigenen Brunnen zu schlagen.

Ich habe sofort bemerkt, dass die Hühner das Wasser nicht gut vertragen

Autodidaktisch hat er sich alles was er für die Arbeit am Hof braucht, mithilfe von Büchern selbst beigebracht. Letztendlich baut er aber vor allem auf seinen eigenen Erfahrungen auf. Und vielleicht hat gerade dieser Umstand seine Sinne besonders geschärft. »Wenn man sich an der Natur orientiert, kann man so viel lernen. An meinen Tieren merke ich sofort, wenn ein Wetterumschwung ansteht«, schwärmt er fast schon. Pfisterer achtet sehr darauf, dass sein Federvieh genug Platz hat, und arbeitet annähernd mit Biostandards. Bei ihm leben auf einem Quadratmeter sechseinhalb Hühner – in einem Biobetrieb wären es sechs Tiere. Die Hühner stammen aus einem Familienbetrieb in Niederbayern und werden mit genfreiem Futter aus der Region gefüttert, zum Beispiel Soja, das entlang der Donau angebaut wird.

»Nachhaltigkeit ist für mich nicht nur ein Trend, sondern ich mache das aus Überzeugung. Das ist wahnsinnig aufwendig und lohnt sich wirklich nur sehr bedingt.« Leidenschaftlich fügt er hinzu: »Es ist doch so, wir lieben die Lebensmittel nicht mehr!« Und das ist offensichtlich und zum Glück für Peter Pfisterer keine Option. Deshalb hat er kürzlich auch seinen Hof für Hortkinder geöffnet, um ihnen zu zeigen, wie seine Hühner leben. In ihren bunten Gummistiefeln und mit viel Neugier durften sie dann sogar die Ställe betreten und selbst Eier aus den Nestern holen. (Gudrun Glock)