Kalabrien

Agrarlandschaft zwischen Ionischem und Tyrrhenischem Meer. Ein Blick über den Tellerrand von Gino Chiellino

Wo liegt Kalabrien? Je nachdem, ob Sie feine Tees trinken und keine künstlichen Parfums verwenden, tragen Sie Kalabrien in sich oder an sich. In Kalabrien gedeiht die Bergamotte, deren ätherische Öle von Tee- und Parfummanufakturen weltweit geschätzt werden. In der Tat werden knapp 90 Prozent der erfassten Weltproduktion in Kalabrien, entlang der südlichen Küsten zwischen Gioiosa Ionica und Villa San Giovanni nördlich von Reggio Calabria, produziert. Aufgrund des dortigen Mikroklimas aus milden Wintern, erstaunlich viel Regen im Frühjahr und langen, beständigen Sommertemperaturen kann die Bergamotte, die zu den Zitrusfrüchten gehört, optimal reifen, das heißt kostbare Öle entwickeln. Zu den edlen Zitrusfrüchten aus Kalabrien zählt auch der Cedro, die Zitronatzitrone. Wegen ihrer Reinheit wird sie besonders von nordamerikanischen Rabbinern bevorzugt, da sie zum Festtisch beim Feiern des Pessachfestes gehört. Ansonsten wird der Cedro zur Herstellung von Zitronat als Ingredienz bei der Herstellung von Süßwaren verwendet. Wie der Ortsname selbst sagt, liegt das Hauptanbaugebiets des Cedro um Santa Maria del Cedro an der tyrrhenischen Küste, nördlich von Cosenza.

Für diejenigen, die weder Tee trinken noch Parfum tragen, liegt Italiens Südspitze ziemlich fern, und zwar zwischen dem Pollinogebirge im Norden und Capo Spartivento im Süden, zwischen dem Tyrrhenischen und dem Ionischem Meer, mit einer 780 Kilometer langen Küste. Der Landstrich ist dennoch überdeutlich von Hochebenen und Berglandschaften wie dem Aspromonte im Süden und dem Pollino im Norden geprägt. Beide Landschaften stellen die Kerngebiete von zwei der drei Nationalparks Kalabriens dar. Jenseits ihrer spezifischen Flora und Fauna besteht die Besonderheit dieser Landschaften in der einmaligen Begegnung des Alpengrüns ihrer Kiefernwälder und Bergwiesen mit dem afrikanischen Blau des Mittelmeers in kristallklarer Luft. Diese spezielle sinnliche Erfahrung hat jahrhundertelang europäische Dichter, Maler, Krieger, Forscher und weitere Reisende so stark überrascht, dass sie sich zu Äußerungen haben hinreißen lassen wie der von August von Platen, der seinen Freund Friedrich Fugger von Cosenza aus mit der Feststellung ermahnt: »Du irrst dich sehr … Calabrien ist das herrlichste Land in der Welt.« Oder »Ein Paradies, wie Calabrien ist«, so Friedrich Leopold von Stolberg.

Der heutige Reisende kann aber auch von untypischen, neuartigen Landschaften wie den Reisefeldern von Sibari überrascht werden. Über ihre Entstehung wird erzählt, dass ein Unternehmer aus Norditalien, der am Bau der Autobahn Salerno–Reggio Calabria beteiligt war, erkannt hat, dass die Ebene um Sibari, griechisch Sybaris, mit ihren zwei Flüssen Coscile und Crati für den Reisanbau besonders geeignet ist, und deswegen die ersten Reisfelder als eigenen landwirtschaftlichen Betrieb entstehen ließ. Heute werden die verschiedensten Reissorten wie Nero, Carnaroli, Integrale, Arborio und andere angebaut. Die Besonderheit der dortigen Reissorten ergibt sich aus der Salzluft aus dem angrenzenden Ionischen Meer. Zu den Legenden entlang derselben ionischen Küste gehört auch diejenige über den Auslöser des Krieges um 510 v. Chr. zwischen den rivalisierenden großgriechischen Kolonien Sybaris und Kroton. Der Legende nach hat sich der Philosoph und Mathematiker Pythagoras aus Kroton aufgrund seiner Vorstellung einer tugendhaften Agrargesellschaft für die Zerstörung der Stadt Sybaris ausgesprochen, wo ein anderes Wirtschaftssystem herrschte.

Natürlich hat Kalabriens jahrtausendelanger Status als Agrarlandschaft mit Pythagoras’ Vorstellung von einer tugendhaften Agrargesellschaft nicht das Geringste zu tun, denn die Region war bis zur Gründung der italienischen Republik (1946) mehr oder minder fremdbestimmt. Erst in den Sechziger- bis Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der selbstbestimmte Versuch unternommen, Industriepole für eine Strom-, Chemie- und Stahlproduktion in Rossano, Crotone und Gioia Tauro aufzubauen, um das Land in die gesamte Industrieentwicklung Italiens einzubeziehen. In Wirklichkeit handelte es sich um einen risikoreichen Prestigeversuch, der längst gescheitert ist und desaströse Industrie- und Landschaftsruinen hinterlassen hat. Ob dies als Lehre aus dem misslungenen Versuch anzusehen ist, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass Kalabrien inzwischen zum ureigenen Wesen als Agrarlandschaft zurückgefunden hat.

Die Rückbesinnung ist allerdings in einem größeren Kontext zu sehen. Am Anfang stand die flächendeckende Wiederbewaldung Kalabriens in den Fünfziger- und Siebzigerjahren. Heute beträgt allein die bewaldete Fläche 612.931 Hektar. Zählt man die unterschiedlichen bepflanzten Gebiete hinzu, kommt man auf 40,6 Prozent der gesamten Fläche. Wer zum ersten Mal nach Kalabrien reist, wird überrascht, fast verwirrt sein, sich mitten in einer der grünsten Regionen Italiens zu befinden, während er sich womöglich einen Landstrich aus sonnigem Sand vorgestellt hat.
Zur Agrarrenaissance Kalabriens hat eine glückliche Konjunktur beigetragen. Die EU-Programme zur Förderung der Landwirtschaft und der Tierzucht haben dazu geführt, dass die alten Ölbäume wieder gepflegt und neue Plantagen gesetzt werden. Ähnlich verhält es sich mit den Weinbergen und Zitrusfrüchteplantagen. Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine und Pferde, die in der Zeit der großen Auswanderung von Kalabriens Bauern und Handwerkern nach Norditalien fast verschwunden waren, sind wieder da und ihre Herden, oft mit albanischen oder rumänischen Hirten, kann man sowohl in den Bergen als auch in den Küstengebieten beobachten. Mit ihnen sind auch die alten Ortsfeiern um die Wanderweidewirtschaft wiederbelebt worden. Der Trend, sich regional zu ernähren, hat dazu geführt, dass Fleisch und Fleischprodukte aus autochthonen Rinder- und Schweinerassen wie der Vacca Podolica oder dem Suino Nero Calabrese wieder in den Handel gefunden haben. Der Trend, sich gesund zu ernähren, hat durch den Konsum die Gemüse- und Obstproduktion gesteigert. Wegen des ganzjährigen italienischen und europäischen Marktbedarfs nach Blumen, Früchten und Gemüse wurde vor geraumer Zeit auch in Kalabrien die Treibhausproduktion eingeführt, da dort derartige Produkte dank der Wintersonne frühzeitiger und kostengünstiger als anderswo reifen können.
 
Aber wer sind die Akteure der kalabrischen Agrarrenaissance? Es handelt sich um eine Generation von Frauen und Männern, darunter eine beachtliche Zahl von Studienabsolventen, die zum Familienbesitz oder Familienbetrieb zurückgekehrt ist. Sei es, weil sich die Eltern zurückgezogen haben, sei es, weil sie erkannt haben, was für ein landwirtschaftliches Entwicklungspotenzial in einem Land steckt, das fast ganzjährig über genügend Wasser und Sonne verfügen kann. Am besten ist der Neuanfang durch die international anerkannte Qualität der Weine aus Cirò, Lamezia Terme und auch weiteren Orten belegt. Dort wurde die Produktion von den jungen Winzern längst erfolgreich von Quantität auf Qualität umgestellt, und damit ist es ihnen gelungen, ihre Weine in ganz Europa und Nordamerika zu verkaufen. Nicht anders verlief es bei der Herstellung von Olivenöl und den Plantagen von Zitrusfrüchten zwischen Corigliano und Sibari. In beiden Fällen ist die Umstellung auf biologische Erzeugnisse im Gange. Im Bereich der Milchprodukte ist die traditionelle Rohmilchproduktion zwar per EU-Gesetz eingestellt worden, doch bei kalabrischen Käsesorten wie Caciocavallo Silano, Burrino, Pecorino Crotonese oder Vallefiorita, Provola, Ricotta oder Juncata behauptet sich diese Herstellungsweise. Bei manchen Bergbauernsennereien kann man mit ein wenig Glück sogar wieder die Mpanata, eine Scheibe Bäckerbrot mit frisch geschöpftem, sahnigem Ricotta, genießen.

Rätselhaft bleibt jedoch das Verhältnis der Landesbewohner zu ihren beiden Meeren. Zwar zeugen zahlreiche Burgen und Türme entlang des Ionischen und des Tyrrhenischen Meeres davon, dass das Meer über die Jahrhunderte als unsicheres Terrain galt, dennoch würde man eine Meereskultur, das heißt eine traditionsreiche und vielfältige Küche aus dem Meer erwarten. Durch die christliche Prägung mit jährlich festgelegter Fastenzeit bestand Bedarf an fleischloser Nahrung, den die Bevölkerung mit gesalzenem Stockfisch aus Norwegen oder in Salz eingelegten Sardinen und Sardellen gedeckt hat. Hinzu kamen die vor der eigenen Küste gefangenen Schwert- und Thunfische. In der Tat bilden diese Sorten heute noch den Kern des Angebots in den schlichten wie den feinen Fischrestaurants. Seit den letzten Jahrzehnten ist jedoch festzustellen, dass dank der örtlichen Fischer mit ihren gut ausgerüsteten Flottillen das Angebot an Meeresprodukten immer vielfältiger wurde.

Dennoch ist Kalabriens Küche selbst am Meer von den örtlichen Agrarprodukten geprägt, die als Bestandteile der mediterranen Küche längst weltweit aufgegriffen wurden. Hierzu gehören an erster Stelle Olivenöl, hausgemachte Nudelsorten aus dem örtlichem Getreideanbau und allerlei Sorten von Gemüse: je nach Saison Artischocken, Brokkoli, Cime di Rapa, Paprika jeder Sorte, Kartoffeln aus der Silahochebene, Zucchini, Auberginen, Zwiebeln, Knoblauch, verschiedenste Tomatenarten, Wirsing, Blumenkohl und Bietola, daneben Hülsenfrüchte wie Bohnen, Kichererbsen, Erbsen und Saubohnen oder Steinpilze aus den Esskastanien- und Buchenwäldern usw. Ohne Fleisch jedoch würde jedes Essen als mangelhaft angesehen werden, daher das reichhaltige Angebot an Gerichten mit Rind- und Kalbfleisch, Kaninchen, Hähnchen oder Zicklein, Wurst und Schinken, und keinesfalls fehlen dürfen die schon erwähnten Weine, Käsesorten und das Saisonobst. Für den abschließenden Kaffee kann man zwischen kleineren Röstereien und größeren Espressoherstellern wie Mauro oder Guglielmo wählen. Ähnlich verhält es sich mit dem Amaro danach. Dank des Reichtums an Heilpflanzen und aromatischen Kräutern hat sich in Kalabrien eine breite Herstellung von Kräuterlikören und -schnäpsen entwickelt, die sich wie der Amaro del Capo landesweit durchgesetzt haben.

Zu beobachten ist, dass Kalabrien sowohl in Italien als auch im Ausland dabei ist, sein Image als Geheimtipp für Reise und Urlaub zu verlieren. Seine Beliebtheit unter den deutschen Reisenden und Urlaubern wächst von Jahr zu Jahr. Wer sich jenseits der begeisterten Anpreisung von Stolberg und Platen unter den deutschen Intellektuellen noch um die Kultur Kalabriens verdient gemacht hat? Vor allem Gerhard Rolfs mit zahlreichen Studien zu den Orts- und Personennamen Kalabriens sowie mit seinem Wörterbuch Nuovo dizionario dialettale della Calabria. Und der Augsburger Soziologe Friedrich Georg Friedmann, der das Begriffspaar »miseria e dignità« (Elend und Würde) geprägt hat, um als Forscher einen respektvollen Zugang zur Lebenswelt und Kultur der Bauern im Süditalien Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden.

Gino Chiellino, geboren 1946 in Kalabrien, lebt seit 1970 in Deutschland. Als deutschsprachiger interkultureller Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Essayist und Übersetzer hat er Wesentliches zur Entstehung der interkulturellen Literatur und Literaturwissenschaft in der deutschen Sprache beigetragen. Zuletzt sind von ihm erschienen: der Roman »Der Engelfotograf. Eine Kindheit in Kalabrien«, die Gedichtsammlung »Die Sehnsucht der Seerose nach der Libelle« und der Essayband »Freie Platzwahl«.

In der Reihe »Europa Erlesen« (Wieser Verlag) erscheint am 30. April ein neuer Band zu Kalabrien. Herausgeber Gino Chiellino versammelt auf rund 300 Seiten über 30 literarische Beiträge zur südlichsten Region des italienischen Festlandes. Kalabrien hat jahrhundertelang europäische Dichter, Reisende, Krieger und Forscher mit der Schönheit seiner Berg- und Meerlandschaften überrascht. Und heute? Kalabrien befindet sich im Umbruch. Dank einer mutigen, jungen Generation hat das Land zu seinem ureigenen Wesen als Agrarlandschaft zurückgefunden. »Europa Erlesen: Kalabrien«, Wieser Verlag, ISBN: 978-3-99029-343-0, ca. 300 Seiten, Preis: 14,95 Euro

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