UNESCO-Welterbe – und nun?

Der UNESCO-Titel ist ein Bildungsauftrag, kein Marketinggag. Ein Gastbeitrag von Martin Kluger 

An Weihnachten 2010 hatte ich jene Idee niedergeschrieben, die am 6. Juli 2019 die Bescherung brachte: Augsburgs historische Wasserwirtschaft ist UNESCO-Welterbe. Den Bewerbungstitel »Augsburger Wassermanagement-System« hatte ich nicht erfunden, der kam später. Denn bis zur erfolgreichen Interessenbekundung, die der context verlag Augsburg im Auftrag der Stadt bearbeitete, sprachen wir von »Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst«. Das »Augsburger Wassermanagement-System«, und nun sind wir in der Zukunft angelangt, ist zumindest für die Tourismuswerbung eine schwere Hypothek. Ein Journalist schrieb: »Zugegeben, beim Titel des Augsburger Antrags muss man gegen Sekundenschlaf kämpfen. Bis man weiß, was dahintersteckt: Architektur, Kanäle und Brunnen …« Deshalb erst einmal Glückwunsch an das 2016 eingerichtete UNESCO-Büro der Stadt, das die Bewerbungsidee trotz mancher selbst verursachter und verwaltungsinterner Hemmnisse erfolgreich ins Ziel gerettet hat.

Weltöffentlichkeit statt Wagenburg

Die Interessenbekundung hatte ich 2013 mit den Worten beginnen lassen: »Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst in Augsburg bilden ein komplexes wasserwirtschaftliches System mit bedeutenden technischen, architektonischen und industriearchäologischen Denkmälern aus der Zeit vom 15. bis zum frühen 20. Jahrhundert.« Klingt vielleicht auch ein bisschen geschwollen, aber man wusste, worum es geht. Und noch etwas hat sich seit 2014 verändert, nicht nur der Bewerbungstitel. Gab es bis dahin eine breite Beteiligung auch nicht amtsinterner Expertise – die von der Wasserwirtschaft über Religionsgemeinschaften bis zu Schulen, von der Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft in Berlin über die renommierte Kunsthistorikerin bis zum hier schüchtern mahnenden Ideengeber der Bewerbung reichte –, so verlief der Bewerbungsprozess wenig später hinter abweisenden Fronten einer behördlichen Wagenburg. Aus war es mit ungefragtem Rat, und je länger, desto ärger wurden diskussionswürdige Entscheidungen, inhaltliche »Klöpse« und flache Werbesprüche, über deren Wesen und Wirkung wir vornehm den Mantel des Vergebens und Vergessens decken wollen.

Warum solch ein despektierlicher Einstieg in die Zukunftsperspektive, wenn man weiß, dass offene Worte nur von souveränen Menschen geschätzt werden und dass man sich beim Aussprechen derselben wie auf hoher See in Gottes Hand befindet? Zunächst einmal sei hier Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl zitiert – der übrigens einst die erste Version des Wasserrads am Schwallech in Betrieb gehen ließ: »Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.« Das ist das eine. Das andere ist: Der Welterbe-Titel für Augsburgs Wassermanagement-System bedeutet für die Verantwortlichen in der Verwaltung in mancher Hinsicht eine tiefe Zäsur – Weltöffentlichkeit statt Wagenburg. Das global relevante Thema Wasserwirtschaft ist für Augsburg nicht nur eine große, sondern auch eine vielleicht schnell vergebene Chance. Das Thema ist dramatisch zu ernst, um etwa ein Welterbe-Zentrum und andere Formen der Kommunikationskultur lustigen Jungs mit lustigen Ideen in die Hand zu drücken, die noch nie ein Buch zum Wasser in ebenjener gehalten haben.

Trotz mancher selbst verursachter Hemmnisse erfolgreich ins Ziel gerettet

Warum? Obwohl ich halbwegs in der Materie firm bin, war ich doch schockiert, als ich dieser Tage eine Pressemeldung zum Weltwasserbericht 2019 der UNESCO las. Sie beginnt aufrüttelnd: »2,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem und durchgängig verfügbarem Trinkwasser. 4,3 Milliarden Menschen können keine sicheren Sanitäranlagen nutzen.« So steht es ums heiße Thema Wasser, das noch heißer werden wird, wenn es noch heißer werden wird.

Pardon: Das ist eine arg lange Einleitung dafür, um die wenigen Pflichtaufgaben zu formulieren, die sich mit dem Welterbe-Titel verbinden.

Pflichtaufgabe Nummer eins: Dankbarkeit für unser Wasser und Ehrfurcht vor diesem Geschenk. Und Verständnis dafür, dass diese Gabe nicht selbstverständlich ist und schon gar nicht durch was auch immer verdient.

Pflichtaufgabe Nummer zwei: Gemeinsam den Welterbe-Titel feiern. Vergiss den FC Bayern! Augsburg hat jetzt etwas, was selbst München nicht hat. Champions League, und zwar für immer.

Vom Glück, aus dem Wasserhahn trinken zu können

Pflichtaufgabe Nummer drei: Sich bewusst machen, welch wertvolle Arbeit Stadtverwaltung und Versorgungsunternehmen für unser tägliches Wasser leisten. Und verstehen, was für ein Glück es ist, aus dem Wasserhahn trinken zu können.

Pflichtaufgabe Nummer vier: Offen sein. Auch wenn die Stadtverwaltung Eigentümerin der meisten der 22 »offiziellen« Denkmäler des Welterbe-Guts Wassermanagement-System ist – Wasser ist ein Diskussionsthema für alle Augsburger und Nichtaugsburger, also für die Menschheit. Es ist an der Zeit, wieder Diskurs und – ja, auch das – Kritisches von außerhalb der Hierarchien zuzulassen. Fatal wäre es auch, nur noch in UNESCO-Kriterien zu denken und den Wert der Kunstsammlungen und Museen, der Archive und Bibliotheken oder der nicht gelisteten hydrotechnischen Denkmäler gering zu schätzen.

Pflichtaufgabe Nummer fünf: Aktiv auf Gesprächspartner aus anderen Regionen und Kulturen zugehen.

Pflichtaufgabe Nummer sechs: Mehr Qualität. Das bedeutet für die Stadt, aktiv Expertise zu suchen – etwa bei der Universität Augsburg. Und bitte, bitte, liebe Stadt: Nimm Abstand von der Versuchung, den Welterbe-Titel zur Bespaßung mittels Wasserfesten mit Bier und Krach oder für witzig sein wollendes Blabla statt für Ernsthaftigkeit zu nutzen. Ein UNESCO-Titel ist ein Bildungsauftrag, kein Marketinggag. Wer nicht lesen will, geht baden. Also bitte weniger Märchen verbreiten.

Pflichtaufgabe Nummer sieben: Chancen für die Wirtschaft nutzen, nicht nur im Tourismus. Wasserwirtschaft ist allein in Deutschland ein Milliardenmarkt. Wenn es Augsburg nicht gelingt, im Glanz des Welt­erbe-Titels Seminare und Symposien, Tagungen, Kongresse oder vielleicht gar Fachmessen zu akquirieren, wäre dies Wasser auf die Mühlen der doch sehr hartnäckigen Bewerbungskritiker.

Martin Kluger, Leiter des context verlags Augsburg und Mitinhaber zweier Werbeagenturen, begleitet als Autor Augsburgs Weg zur Aufnahme der Wasserwirtschaft in die UNESCO-Welterbeliste von Anfang an. www.context-mv.de

Foto: Kraftwerk an der Wolfzahnau