Vieles ist essbar

Eine Spurensuche im Botanischen Garten, der Welt der Blumen, Kräuter und Salate.

Ein Spaziergang vorbei an naturbelassenen Frühjahrs- und Sommerwiesen ist ein Genuss für alle Sinne – aromatische Düfte, bunte Farben, sattes Gras. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, kann Pflanzen entdecken, die Körper und Seele schmeicheln. Zwar behauptet der Volksmund allzu oft: »Dagegen ist kein Kraut gewachsen!« – in Wahrheit lassen sich viele Alltagsbeschwerden durch pflanzliche Tees, Salben und Co zumindest lindern. Doch auch wer beschwerdefrei ist, bereichert mit den richtigen Blumen, Kräutern und Salaten jede Mahlzeit. Sie enthalten Vitamine, Mineralien, Gerb- und Bitterstoffe, ätherische Öle und sekundäre Pflanzenstoffe. Also einfach losgehen und das Grünzeug munter einsammeln? a3regional-Autorin Stela Blagova machte sich auf die Suche nach Orientierung in dieser wilden Welt.

Ein Blick ins Lexikon verrät: Unter dem Begriff »Wildkräuter« werden heimische Pflanzen zusammengefasst, die zum Verzehr geeignet und nicht züchterisch bearbeitet sind. Sie gedeihen auf Wiesen und Äckern, in Flussauen und Wäldern. Selbst wenn diese Pflanzen im eigenen Garten angebaut werden, ist es noch üblich, von Wildkräutern zu sprechen – solange sie nicht durch Zucht verändert werden. Häufig als Konkurrenz der Nutzpflanzen von Landwirten und Hobbygärtnern bekämpft, sind selten gewordene Kräuter heute zum Objekt des Naturschutzes geworden – zum Erhalt der Biodiversität, aber auch zur Förderung von Wildbienen.

Über 3.000 verschiedene Pflanzenarten blühen und grünen im Botanischen Garten. Als Ausflugsziel und Ruheoase zählt die vor über 80 Jahren gegründete »Stadtgärtnerei« heute zu den Besuchermagneten in Augsburg. Das immergrüne Juwel am Siebentischpark ist aber auch ein Anlaufpunkt in Sachen Know-how: Gärtner*innen, Imker­*innen und Umweltaktivist*innen geben hier ihr Wissen in Seminaren, Führungen und Mitmach-Aktionen weiter. Zu diesen Expert­*innen zählt Renate Hudak, die im Botanischen Garten für Bürgerberatung, Veranstaltungsorganisation und Öffentlichkeits­arbeit zuständig ist. Nebenberuflich hat die Gartenbauingenieurin zahlreiche Bücher rund um das Thema Pflanzen verfasst, bietet Kräuterwanderungen und -kurse an. Eine ideale Gesprächspartnerin, um den wilden Blumen, Kräutern und Salaten auf die Spur zu kommen.

»Die Besucherinnen und Besucher sind immer begeistert von den blühenden Beeten im Botanischen Garten«, erzählt Renate Hudak. »Interessanterweise ist vieles davon essbar. Pflanzen, die man vielleicht auch zuhause im Garten findet, die man deshalb hat, weil sie schön aussehen.« Die Blüten und Wurzeln der Echten Schlüsselblume zum Beispiel wirken als Tee oder Tinktur entkrampfend und schleimlösend bei Husten. Aber Vorsicht: In der freien Natur vorkommende Schlüsselblumen stehen unter Naturschutz. Sie dürfen weder ausgegraben noch ganz oder in Teilen eingesammelt werden. Doch das ist nicht die einzige Einschränkung: »Wenn Sie sammeln gehen, sollten Sie sich ihrer Sache sicher sein. Ansonsten erwischt man vielleicht eine giftige Pflanze«, warnt die Fachfrau. »Halten Sie sich an Literatur, besuchen Sie eine Wanderung oder einen Kurs zum Thema. Allgemeingültige Bestimmungsmerkmale gibt es nicht. Im Zweifelsfall sollte man die Pflanze stehen lassen.«

Zu den typischen Wildkräutern im Frühjahr zählt der Bärlauch. Ihn erkennt man, indem man seine Blätter zwischen den Fingern zerreibt, denn sein würziger Geruch nach Knoblauch verrät ihn. Trotzdem wird er beim Sammeln immer wieder mit dem giftigen Maiglöckchen oder den Blättern der Herbstzeitlosen verwechselt. Es geht auch weniger riskant: »Wer ein bisschen vor die Türe geht, findet fast überall Löwenzahn, Gänseblümchen, Spitzwegerich und Brennesseln«, erklärt Renate Hudak. »Bei einigen essbaren Pflanzen sind mehrere Bestandteile verwendbar, bei anderen nur ein bestimmter Teil.«

Junge Blätter, Blüten und Wurzeln des Löwenzahns verfügen über gleich mehrere positive Eigenschaften: Sie wirken als Zutat in Tees, Salaten, Pestos oder Smoothies harntreibend, stoffwechselanregend, verdauungsfördernd und leberstärkend. Bei Gallen- oder Nierenproblemen sollte man aller­dings die Finger davon lassen. Aus Löwenzahnwurzeln lässt sich sogar ein Kaffeeersatz herstellen: putzen, trocknen, rösten, mahlen, aufgießen – fertig ist das Getränk!

»Spannend ist auch das Scharbockskraut. Dessen Blättchen enthalten sehr viel Vitamin C und können als herb-scharfes Extra in Salaten, Suppen oder Soßen verarbeitet werden. Sobald die Pflanze blüht, werden die Blätter aber leicht giftig. Dann sollten sie nicht mehr verzehrt werden«, gibt Renate Hudak zu Bedenken. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend: »Je nach Jahreszeit sind die Inhaltsstoffe in einer mehr oder weniger hohen Konzentration vorhanden.«

Zuletzt spielt auch der Ort eine wichtige Rolle: Wegen der Schadstoffbelastung sollte nicht direkt an Straßen gesammelt werden. Gleiches gilt für Ackerränder, wo unter Umständen Belastungen durch Pflanzenschutzmittel auftreten können. »Es sollte jetzt auch nicht die Gassistrecke vom ganzen Dorf sein«, sagt Renate Hudak mit einem Augenzwinkern. Pflanzen, die in Naturschutzgebieten wachsen, sind ohnehin Tabu.

Wer weiter in die Welt der Wildkräuter eintauchen möchte, dem sei eines der zahlreichen Bildungsangebote in unserer Region empfohlen. Eine Auswahl von Kursen, Führungen und Wanderungen zum Thema sowie eine kleine Frühjahrskräuterkunde  finden Sie auf den Folgeseiten.

www.augsburg.de/freizeit/ausflugsziele/botanischer-garten/
www.renate-hudak.de