Wenn es regnet, lacht mein Schirm

Allgäu-Fachleute geben Tipps – #1: Hans Georg Mors hat ein Leben als Lehrer und Schulleiter hinter sich. Er lebt in Sonthofen. Im besten Pensionistenalter ging er nochmals im wahrsten Sinne des Wortes seiner Leidenschaft nach und arbeitete zuweilen als Wanderführer. Heute gehören die Berge ihm ganz privat. 

Wandern: Die gängigen Urlaubsprospekte oder Bildbände mit Wandervorschlägen vermitteln den Eindruck, im Allgäu herrsche ganzjährig Sonnenschein. Es leuchtet aber auch schnell ein, dass die saftig-grünen Wiesen auf Wasser angewiesen sind, das überwiegend in Form von Regen fällt. Diese Wettererscheinung dauert nicht selten mehrere Tage, und wer dies in die Urlaubsplanung einbezieht, ist gut beraten. Nach dem Motto »Wenn es regnet, lacht mein Schirm« habe ich hier zwei bewährte Vorschläge:

Vom Sonthofer Ortsteil Berghofen (spätgotischer Hans-Striegel-Altar im sehenswerten Kirchlein St. Leonhard) auf Teerstraße über Walten – Unterried – Breiten zum Bildstöckle (1.343 m, zum Gipfelkreuz kleiner beschilderter Abstecher nach links), dann auf teilweise geteerten Forststraßen durch den Großen Wald hinunter zur Einkehrmöglichkeit Dreiangelhütte (www.dreiangelhuette.de) und auf Teerstraße vorbei an der Alpe Berghofer Wald (Mai – Oktober bewirtet, Mo Ruhetag) zurück nach Berghofen, ca. 700 Höhenmeter, 19 km, 5 ½ h Gehzeit.

Wasserfälle und Klammen sind in Trockenperioden nur halb so interessant, bei Regen aber umso eindrucksvoller. Vom Parkplatz der Breitachklamm (www.breitachklamm.com) wandern wir auf gesichertem Weg durch die spektakuläre Klamm, biegen nach dem oberen Kassenhäuschen scharf links ab, steigen hinauf zum Zwingsteg mit atemberaubendem Tiefblick und gehen weiter bis zu einer Teerstraße. Hier biegen wir links ab und wandern auf der Straße bis zur Alpe Hinter der Enge mit guter Einkehrmöglichkeit und, falls es aufreißt, wunderbarem Blick ins Kleinwalsertal. Danach geht’s ein kurzes Stück auf einem Waldweg, dann wieder auf Teerstraße in großem Bogen im Uhrzeigersinn um den Engenkopf herum, an der Sesselalpe vorbei und auf steilem Schotterweg wieder hinunter zum Parkplatz (ca. 460 Höhenmeter, 9 km, 3 h Gehzeit). Die Erfahrung lehrt, dass es nur ganz selten den ganzen Tag pausenlos regnet, und der Fotograf Stefan Rosenboom sagt: »Wer Regen und Sturm nicht fürchtet, den belohnt die Natur mit magischen Momenten.«

Ein unvergessliches Erlebnis ist eine Winterwanderung durch den Eistobel (Foto, www.eistobel.de), der aus Haftungsgründen dann zwar offiziell gesperrt ist, aber von trittfesten Wanderern durchaus begangen werden kann. Weil man mehr auf die bizarr von Eis überzogenen Felswände schauen möchte als auf den unmittelbaren Weg, sind Snowgrips oder Steigeisen an den Bergschuhen unerlässlich, und weil auch bei leicht steigenden Temperaturen jederzeit große Eisbrocken und -zapfen gefährlich herabstürzen können, ist auch ein Helm dringend angeraten. So ausgerüstet kann man sowohl vom Parkplatz Schüttentobel zwischen Ebratshofen und Sibratshofen als auch von der Argentobelbrücke zwischen Grünenbach und Maierhöfen aus diese einmalige Tour starten (150 Höhenmeter, hin und zurück 7 km, 2 ½ h Gehzeit plus viel Zeit zum Schauen).
 

Übernachten: Hier Tipps zu geben ist für Einheimische extrem schwierig, weil man selber zu Hause übernachtet und so die Qualität und Besonderheiten der diversen Angebote nicht aus eigener Erfahrung beurteilen kann. Es gibt aber eine breite Palette von Möglichkeiten, innerhalb derer für fast alle Bedürfnisse etwas zu finden sein müsste: angefangen von Privatzimmervermietern über Pensionen und Gasthäuser zu Hotels aller Kategorien bis hin zu 5-Sterne-Häusern. Für Familien mit Kindern, die sich einen Hotelaufenthalt leisten wollen, können hier die Familienhotels Haus Zauberberg in Pfronten-Rehbichl (www.haus-zauberberg.de), Allgäuer Berghof (www.allgaeuer-berghof.de) und Kinderhotel Oberjoch (www.kinderhoteloberjoch.de) eine gute Adresse sein. Daneben gibt es aber auch eine Vielzahl von Ferienwohnungen und -häusern, »Urlaub auf dem Bauernhof« mit teilweise sehr guter Ausstattung, Selbstversorgerhäuser und -hütten sowie Campingplätze, oft an Badeseen gelegen. Für Kurzentschlossene findet sich über einschlägige Internetportale sicher schnell etwas Geeignetes. Wer sich etwas mehr Vorlauf wünscht, kann sich von örtlichen Verkehrsämtern oder überörtlich vom Tourismusverband Allgäu/Bayerisch-Schwaben beraten lassen (www.allgaeu-bayerisch-schwaben.de).
 

Käse: Die Dorfsennerei Schweineberg (www.allgaeuer-bergkaese.de) verarbeitet die Heumilch von sechs benachbarten Bauern zu hervorragendem Bergkäse und bietet in ihrem Laden auch Käse und andere Milchprodukte von Partnerbetrieben sowie Speck, Schinken, Honig, Marmelade und viele andere Köstlichkeiten. Dienstags oder nach Vereinbarung gibt es auch eine Sennereiführung mit Käseprobe.
 

Gastronomie: Ich schätze die traditionsreichen Wirtshäuser, die den Gast nicht mit einer Brauerei-Barockausstattung nahezu erschlagen, sondern wo es in schlichtem Ambiente ein bodenständiges Essen und Getränke aus der Region gibt. Dazu gehören der Adler in der Sonthofer Fußgängerzone (www.gasthof-adler-sonthofen.de), in Niedersonthofen die Krone (www.krone-niedersonthofen.de), in Akams der Lustige Hirsch, wobei man hier gleich links in die erste oder zweite Stube sitzen sollte, weiter hinten könnte man eventuell vor zu viel Deko Atemnot bekommen (www.lustiger-hirsch.de) und in Zaumberg der Goldige Hirsch, leider mit arg eingeschränkten Öffnungszeiten, dafür aber einem Biergarten, in dem man auch seine mitgebrachte Brotzeit verzehren darf (www.goldiger-hirsch.de).
 

Märkte & Läden: Ein ganz spezielles Haus ist das bene – Kaffee & Laden am Spitalplatz in Sonthofen (www.kaffee-bene.de). Hier sitzt man gemütlich auf bunt zusammengestelltem Mobiliar, kann ausgezeichnete Kuchen oder häufig wechselnde Angebote an warmen Speisen, auch vegetarisch und vegan, genießen, die aktuell ausgestellten Bilder der Galerie bewundern und so gestärkt Einrichtungsgegenstände und kulinarische Spezialitäten aus ganz Europa kaufen.

Der vielstrapazierte Begriff »Erlebniseinkauf« ist zutreffend wie selten, wenn man – mit ausreichend Zeit – im Eisenwarengeschäft Euringer, Kirchstraße 2 in Sonthofen den Chef, einen gstandnen Allgäuer, um Rat fragt. Ob es um eine Kuhschelle oder eine Sense für Linkshänder, um einen Holzschlitten, eine Mausefalle oder einen Heidelbeerenkamm geht, man bekommt stets den gewünschten Artikel samt umfassender Erläuterung zu einem fairen Preis. Bei ganz speziellen Wünschen kann man das Glück erleben, an den chaotisch geordneten Regalen vorbei in die höhlenartige Werkstatt im Keller geführt zu werden.

Ein Erlebniseinkauf der besonderen Art ist auch ein Besuch der Hammerschmiede Neßler im Hindelanger Ortsteil Nordpol (www.badhindelang.de). Wasserkraft setzt in dieser 500 Jahre alten Schmiede die schweren Hämmer, Schleifsteine und Blasebälge in Bewegung. Die so gefertigten Produkte sind aufgrund ihrer Qualität sehr beliebt: Pfannen für die weltbesten Bratkartoffeln, Schaufeln sowie land- und forstwirtschaftliche Werkzeuge. Wer ein einzigartiges Andenken an seinen Urlaub mit nach Hause nehmen möchte, findet dort das Richtige.
 

Kultur: Eine feine Adresse ist das Kunsthaus Lipp im Hindelanger Ortsteil Gailenberg, wo der Maler Kilian Lipp zusammen mit seiner Frau Annette ein altes Bauernhaus liebevoll und einfühlsam renoviert und so einen idealen Raum zur Präsentation seiner ausdrucksstarken Bilder geschaffen hat, die hier ganzjährig ausgestellt sind, ergänzt durch Sonderausstellungen und gelegentliche Konzerte (www.kilianlipp.de).

Im Gasthaus Goldenes Kreuz in Gunzesried präsentiert der Verein Oberallgäuer Kleinkunstbühne e.V. seit 1982 Kultur im Kreuz, ein buntes Programm von Folk bis Jazz und von Kabarett bis Varieté (www.goldeneskreuz.de). In familiärer Atmosphäre sitzt man dicht gedrängt im Nebenzimmer quasi in Tuchfühlung mit den Künstlern. Musiker von internationalem Rang mit Kammermusik oder auch Orchesterkonzerten bietet die Gesellschaft Freunde der Musik von September bis April, meist im Kurhaus Fiskina in Fischen, aber auch im Haus Oberallgäu in Sonthofen in erster Linie für seine Mitglieder. In aller Regel sind aber auch Einzelkarten an den Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse erhältlich (www.oberallgaeuer-meisterkonzerte.de).

Eine stetig wachsende Fangemeinde besucht die Konzerte des Musikprojekts vuimera, das vokal und instrumental zauberhafte meditative Erlebnisse vermittelt. Von heimischen Wirtschaftsbetrieben gesponsert können die sechs jungen Musiker teils in Kirchen, Kapellen oder open air viele kostenlose Benefizkonzerte anbieten, deren Erlös zu 100 % in soziale Projekte in Nepal oder Venezuela fließt (www.vuimera.com).